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Päpstliche Insignien mit Hut, Krummstab und andere Dinge

Es folgen Veröffentlichungen von päpstlichen Enzykliken, die für das Thema Weltgeschehen von besonderer Bedeutung sind.

Das Weltgeschehen aus katholischer Sicht

Papst Leo XIII.

Das Reich Gottes und das Reich Satans auf Erden

Nachdem die Menschheit durch den Neid des Teufels von Gott, dem Schöpfer und gültigen Spender der himmlischen Güter, elendiglich zum Abfall gebracht worden ist, hat sie sich seitdem in zwei verschiedene und einander feindliche Heerlager gespalten; während das eine von ihnen einen beständigen Kampf zu führen hat für Wahrheit und Tugend, streitet das andere für das Gegenteil. (Leo XIII. „Humanum Genus“ 1884)

Papst Leo XIII. mit dem katholischen Segensgruß
Religion

Weihnachtsgeschichte Friede den Menschen

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind

Eine Weihnachtsgeschichte von Konrad Kümmel

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind

Cover des Buches Sonntagsstille Christmonat 2. Hälfte von Konrad Kümmel„Juhe, juhe, in acht Tagen kommt`s Christkindlein!“ jauchzten fünf Kinder, während sie auf dem leeren Scheunenboden umher tanzten; draußen aber wirbelten die Schneeflocken lustig nieder, als wollten sie auch mitmachen. Die jubelnden Kleinen waren etwa von 13 bis 4 Jahre alt; das kleinste, ein prächtiger, lebendiger Bursche, zappelte förmlich vor Vergnügen.

Plötzlich aber tat er einen gellenden Schrei – er war im tollen Reigen der Hand seines Schwesterchens entschlüpft und an die scharfe Ecke des „Gsöttstuhles“, der neben der Stalltüre stand, getaumelt, und im nächsten Augenblick zappelte er auf dem Boden, indes er kaum Atem fand zwischen dem lauten Geschrei, das seiner jungen Lunge und Brust entstieg. Bestürzt rafften ihn die Geschwister auf; sein Schwesterchen von etwa acht Jahren, das ihm zunächst gewesen, war die erste dabei; erschreckt aber blickte es im gleichen Moment auf ihre Händchen: Blut träufelte auf sie herab vom Kopf des kleinen verunglückten Brüderchens. Jetzt begannen alle zusammen zu schreien.

Im nächsten Augenblick trat eine Riesengestalt in die Scheune ein.

„Was gibt`s, was schreit ihr so?“ fragte der große Mann rasch und erregt, indem er die kleine Schar musterte. Aber schon hatte er das Blut gesehen, das aus dem Kopf des Kleinsten tröpfelte und die Hände des Mädchens färbte, so griff er nach dem kleinen Verwundeten, dessen Schrecken vielfach größer war als die kleine Hautschürfung, die er bei dem Sturz empfangen hatte.

„Wer war bei dem Hans?“ fragte er streng, und sein Auge richtete sich schon drohend auf das kleine Mädchen, das mit ängstlichen Blicken den Vater maß. „Die Liese hat ihn gehalten, aber er ist ausgerutscht!“ riefen ein paar. „Natürlich, du bist es wieder einmal, ungeratenes Kind!“ schrie der Vater über das arme Mädchen, wo die dabei ist, da gibt`s jedes Mal ein Unglück!“

Und ohne das Mädchen näher auszufragen, wie es gegangen sei, und ohne auf die verzweifelten Beteuerungen zu hören, dass das Brüderlein ihrer Hand entschlüpft sei und dass sie selbst eben gerufen habe, die anderen sollen doch nicht so toll springen, züchtigte der Vater das Mädchen und gab ihr dann einen Stoß – „fort, marsch, und mir aus den Augen, böses streitsüchtiges Mädchen, sofort hinauf in die Kammer!“

Flehend hob das Mädchen seine Hände zum Vater auf: „Lieber Papa, bitte, bitte! – rief es – aber umsonst; ein unsanfter Stoß und hinaus flog das Kind, bitterlich weinend, zur Scheune, hinüber zum Wohnhausflügel, und bald war es verschwunden in der dunklen Tür.

Totenstill war`s geworden im kleinen Kreise nach diesem Gericht; der Vater trug den kleinen Hans, der immer noch laut schrie, hinüber zur Mutter, indes die anderen kleinlaut hintendrein schlichen.

Forschend, fast vorwurfsvoll, blickte die Mutter den riesigen Mann an, wie er ihr das Kleinste übergab und dazu unsäglich bitter sprach: „Wieder einmal ein Stücklein der sauberen Liese, das Kind bringt uns und sich noch ins größte Unglück; wenn es nur nie – -“

„Philipp, fordere Gott nicht heraus; es ist dein Kind!“ sagte jetzt die Frau, der man Güte und geistige Überlegenheit gänzlich aus dem schönen Angesicht ablesen mochte. Und nach einigen Augenblicken der Untersuchung des kleinen Verwundeten fügte sie an: „Der Schrecken ist einmal wieder viel größer gewesen als das Unglück. Der Hans hat eine tüchtige Schramme an den Kopf bekommen; das Bluten hört schon auf; mit einigen Kaltwasserumschlägen ist die ganz Verwundung geheilt; morgen früh weiß er selbst nichts mehr davon. Ist aber wirklich die Liese daran schuld und allein schuld?! Sagte sie jetzt und blickte ihn forschend und ernst an. Aus den blauen Augen leuchtete es wie der Mut der Mutter, die ein Kind zu verteidigen hat.

„Ja, die Liese, und sie allein ist schuld“, fuhr er auf, „du brauchst mich gar nicht lang zu inquirieren (*); sie, die unser Unglück, ist ein missratenes, elendes Kind. Schweig mir, ich will nichts hören und heut kommt sie mir nicht mehr unter die Augen!“

(*) verhören

Damit hatte er das Zimmer verlassen, als ob er fürchtete, was seine Frau ihm erwidern wollte.

Die aber tröstete liebkosend den kleinen Verwundeten, blies die böse Wunde, verband ihn, und schließlich lachte er wieder herzlich, und die anderen Kinder lachten mit und jauchzend abends: „Juhe, juhe, in acht Tagen kommt`s Christkindlein!“ Droben aber, in der kalten Kammer neben dem Fruchtboden kauerte die arme Liese allein am Boden und weinte, weinte bitterlich; wie sie vor Frost zitterte, das kam ihr gar nicht zum Bewusstsein in ihren Seelenschmerzen.

Die blondköpfige Liese war nicht in Gnaden bei ihrem Vater, das fühlte sie heute wieder aufs neue – und sie hatte ihn doch so lieb, und es gab keine größere Freude für sie, als wenn der Vater einmal sie freundlich anlachte oder ihr ein Lob spendete. Aber das war schon lange her; die Liese wusste nicht seit wann und fragte auch nicht; der Vater aber hatte sich jenen Tag gar wohl gemerkt, da die Kleine ihn in eine fürchterliche Verlegenheit gebracht hatte. –

Der Taubenbauer, wie man ihn hieß, war, sie sein Name schon sagte, ein überaus großer Freund der Tauben, und sein Schlag war voll mit den schönsten Exemplaren. Freilich hatte er Schur genug damit, sie zusammenzuhalten und einzusperren, wenn draußen der Samen frisch auf den Äckern lag, und da gab`s manchmal auch Widerwärtigkeiten mit den zwei Nachbarn, deren Höfe an den des Taubenbauers grenzten.

Und einmal hatte ihm der entfernter wohnende Klingenbauer ein Prachtexemplar weggeschossen, das mit anderen auf dem frisch geeggten Feld die kaum gestreuten Körner aufpickte. Um sich für den Schaden gut zu halten, ließ der Taubenbauer dem Nachbar, der gleichfalls einen großen Taubenschlag hatte, ein paar prächtige weiße Radtauben wegnehmen, um dieselben seiner eigenen Zucht einzuverleiben. „Wenn sie dann Junge haben, schicke ich sie wieder zurück“, beschwichtigte er sein Gewissen.

Und nun war die kleine Liese drein gekommen und hatte alles an den Tag gebracht.

Der Nachbar Klingenbauer, durch dessen Hof sie nämlich mit ihren älteren Geschwistern gehen musste, so oft Schule war, hatte einmal das Mädchen, das immer so lustig im Vorbeigehen ihr „Grüß Gott, Nachbar Klingenbauer! Grüß Gott, Hofbäuerin!“ zu den Fenstern hinaufrief, in die Küche gerufen; da buk die Bäuerin eben duftende, goldbraune Küchlein, und klein Lieschen bekam das erste aus der Schmalzpfanne. Dabei brachte der schlaue Klingenbauer die Sprache auf die Tauben und ließ sich vom Lieschen berichten, dass sie jetzt ein paar ganz schöne Tauben hätten, die seinen so schneeweiß, wie der Heilige Geist auf der Kanzel und können ein Rad schlagen wie der Pfau.

„Das sind sie“, bemerkte der Klingenbauer zu seinem Weibe, und das Lieschen fragte erschrocken: „Sind das eure Tauben?“ Aber die Klingenbäuerin, welcher es weh tat, dem Kind zu sagen, sein Vater sei ein Taubendieb, tröstete das Kind: „Die werden sich eben verirrt haben in euren Schlag und den anderen nachgeflogen sein.“

„O wie schade“, seufzte die Liese, „ws sind so gar schöne Tauben, und wir alle haben so eine Freude daran gehabt; mir folgen sie am meisten. Jetzt müssen wir sie halt wieder heim geben. Ich will sie herüberbringen, und wenn ich durch euren Hof komme, dann locke ich ihnen und spreche mit ihnen.“

„Ja, mach`s nur so, Liese“, sagte der Klingenbauer und gab dem Mädchen noch ein Küchlein aus der Pfanne. Und das Lieschen sprang heim voll des Eifers, die schönen Tauben ihrem Eigentümer wieder zurückzustellen, und eine Stunde darauf war der Klingenbauer im Besitz seiner Radtauben.

Als der Taubenbauer dann abends heimkam, so erzählte ihm die Liese voll heiligen Eifers, was sie getan, und sie hoffte vom Papa, dessen Liebling sie bisher war, besonders gelobt zu werden. –

Aber wie ging es ganz anders! Sie kam mit ihrem Bericht nicht zu Ende; wie der Bauer merkte, um was es sich eigentlich gehandelt hatte, da fasste er das zitternde Kind mit förmlicher Wut und gab ihm einen Stoß, dass es ums Haar umgepurzelt wäre und donnerte über sie hinein im Zorn, dass die Liese anfangs vor Schrecken mit aufgerissenen Augen ihn anstarrte, todbleich; und erst als sie wieder den Atem hatte, entrang sich ihr ein Jammergeschrei, das die Mutter kaum stillen konnte.

Der stolze Taubenbauer aber hatte, knirschend mit Zähnen und die Hände ballend, in ohnmächtigem Grimm die Stube durchmessen und dann in einem fort gerufen: „Zum Dieb macht mich das eigene Kind! Nun kann morgen der Landjäger kommen und mich geschlossen in die Stadt führen!“

Hätte er sich doch lieber gesagt, dass er sich selbst zum Dieb, wenn auch nur zum Verüber (*) vorübergehender Anmaßung fremden Eigentums gemacht und dass sein Kind in der Unschuld seines Sinnes den Diebstahl schon wieder gut gemacht hatte!

(*) Substantiv von ‚verüben‘, Täter

Der Landjäger erschien nicht, und der Nachbar in der „Klinge“ tat überhaupt keinen Schritt mehr; er mochte wohl fühlen, dass er den Taubenbauern auch gereizt hatte; uns so wäre alles ohne Aufsehen abgegangen. Aber eine Feindschaft, tief und grimmig, fraß sich von da ab hinein in die Herzen der beiden Nachbarbauern, so dass sie sich nicht mehr grüßten und dass den Kindern strengstens verboten ward, miteinander zu sprechen oder gar die Alten zu grüßen.

Und die Vorliebe für das liebliche kleine Lieschen war bei dem großen Taubenbauern in dauernde Abneigung umgeschlagen. Bei jeder Gelegenheit ließ er das Kind seinen Zorn fühlen, und wenn er gar schlecht gelaunt war, so war die Liese zuerst und zuletzt der Sündenbock für alles, was schief ging. An ihr bemerkte er die geringste Kleinigkeit, um sie mit erschreckender Heftigkeit zurechtzuweisen und zu strafen, und vor ihren Augen durften die anderen Kinder dasselbe tun und noch Ärgeres, was er eben an ihr gestraft hatte.

Lachte das Kind und sagte es irgendetwas Drolliges, so ward sie gescholten und zum Ernst ermahnt, fragte sie etwas bescheiden, so fertigte sie der Vater derb ab, war sie noch so brav und lief und arbeitete sie so tapfer als nur möglich: nie hatte der Vater mehr ein liebes Wort, einen warmen freundlichen Blick für die Liese. Das arme Kind trug schwer an dieser harten Behandlung, und wäre es nicht so gutartig und kerngesund in seinem Gemüt gewesen, so wäre es entweder heimtückisch und verbittert oder doch scheu und misstrauisch geworden.

Die Mutter durfte vor dem Kind dem Vater nie unrecht geben, so sehr ihr das Herz blutete; aber sie wusste um so mehr, wenn sie mit Lieschen, ihrem Schmerzenskind, allein war, ihm ihre Liebe zu offenbaren. Wollte die Kleine sich einmal recht gekränkt fühlen, so sagte die Mutter: „Lieschen, du bist älter als die Kleinen, du musst auch gescheiter sein und nicht gleich so empfindlich; du musst jetzt anfangen, ein bisschen auch zu lernen für die Welt: die behandelt einen gar rauh und hart, und das darf einen nicht unglücklich machen.“

Am tiefsten aber wurde das Lieschen erfasst und getröstet, wenn die Mutter ihm erzählte von der lieben Mutter Gottes und was sie alles gelitten hat – so unschuldig und heilig – und vom himmlischen Kind, vom Sohne Gottes, der im Stall liegen und frieren musste, und er war doch der Höchste im Himmel und auf Erden und der liebe Sohn des Vaters im Himmel. Wenn die Mutter dem Lieschen davon erzählte bei der Arbeit, oder wenn sie strickend beieinander saßen, da vergaß das Kind alles Leid und alle Bitterkeit, und seine Augen leuchteten: es wollte gewiss nicht mehr so empfindlich sein.

„Aber nur, dass der Papa mich wieder gern hätte, möchte ich“, sagte sie, „sonst gewiss nichts.“

„Der Papa hat dich gewiss gern, er will`s aber nicht so vor dir zeigen, Kind“, sagte die Mutter, aber sie fühlte selbst, dass es doch nicht wahr sei; sie fügte an: „Bet nur recht für Papa und für uns alle, und bitte das liebe Jesuskind, was du dir wünschst.“

„Und für des Nachbars darf ich auch beten, gelt Mama?“ fragte Lieschen; „gewiss, ja freilich, das darfst du“, war die Antwort.

Und das tat die Liese von jetzt ab gewissenhaft.

Ihr Vater aber, der riesig große Taubenbauer, wurde immer mürrischer, unzufriedener und gereizter. Was denn auch kein Wunder war; denn sein Gewissen stand ja Tag und Nacht vor ihm und hielt ihm die Feindschaft mit dem Nachbar und die Feindschaft wider das eigene Kind vor. Und wo es sich um ein unschuldiges Kind handelt, und um den Frieden, da spricht das Gewissen, – das ist Gottes Stimme -, kräftig und unaufhörlich, so wie die Brandung Tag und Nacht ans Ufer schlägt ohne Ruhe, ohne Ermüdung.

Und diese beiden Sünden, die schweren Sünden, sie lasten furchtbar auf der Seele, sie zehren an ihr wie eine Krankheit; sie vergiften sie und verderben sie; sie stellen sich zwischen sie und Gott, und kein Gebet kann emporsteigen zu Gott, kein gutes Werk, kein fleißiges Arbeiten und kein Opfer hat wirklichen Wert, solange die Seele so erbittert und verböst ist; kein Friede zieht ein, keine Freude gibt`s mehr, nämlich keine wahre Freude, keinen Sonnenschein und kein wolkenloses Himmelsblau der Fröhlichkeit, keine herzliche Freude, keine volle, ungetrübte, wahre Fröhlichkeit. – –

Von Alters Zeiten her war es Übung auf dem Taubenhof, dass die Kinder acht Tage vor Weihnachten in ihrer schönsten Schrift aufsetzen mussten, was sie dem Christkindlein versprechen und was sie von ihm bitten.

Das sollte heute auch wieder geschehen, einige Tage nachdem anfangs Erzählten. Es war eine wichtige Beratung für die Kleinen, sich zu besinnen, was sie wünschten; nur klein Lieschen war bald fertig. In einer Ecke kritzelte sie, die linke Hand schützend vor ihre Schreibtafel haltend, den Kopf tief auf dieselbe geneigt, ihre Wünsche nieder. Ein Tränchen fiel, als sie fertig war, unter ihren Namen. Die Mutter sammelte alles ein und verwahrte es.

Und als es nun Abend war und die Kinder zu Bett waren, da saßen der großmächtige Taubenbauer und seine Bäuerin am Tisch in der Ecke. Beim Ofen standen schon tüchtig geschmiert die neuen Stiefel, und es hing der blaue Mantel mit dem Kragen und die Sonntagspelzmütze des Bauern, denn morgen früh schon um 6 Uhr wollten die beiden zur Stadt fahren und die Bescherung einkaufen.

Eine Tafel um die andere gab jetzt die Bäuerin ihrem Bauern zu lesen, und es standen gar schöne Wünsche darauf nach Lebkuchen und einer Peitsche, eine „Mundharmonie“ und einer roten Wintermütze. Zuletzt kam Liesels Tafel. Die Mutter sah darauf und gab sie schweigend dem Bauern, und dieser las die einzige Zeile, welche darauf stand mit großen Buchstaben: „Liebes Christkindlein, mach mich brav, dass ich wieder Vaters liebe Liese bin.“

Das war des Kindes einziger Wunsch.

Stumm schaute der Bauer auf die kindlichen Buchstaben; er sprach eine lange Zeit nichts.

Das ganze goldene Herz seiner kleinen Liese sprach aus der rührenden Bitte; was aber noch weiter daraus sprach, das war eine ergreifende Klage des armen Kindes; im Innern des harten Vaters aber gestaltete sie sich zur schweren Anklage, und des Kindes Schutzengel selbst war der Ankläger. Die Schuppen fielen jetzt dem Vater vor den Augen.

Und während er noch die Schriftzüge seiner kleinen Liese anstarrte, legte sich die Hand seiner Bäuerin auf die seinige, und er hörte ihre ruhige Stimme sprechen: „Sieh, Alois, wie das Kind dich lieb hat; es hat für sich gar keinen Wunsch; nur du sollst gut gegen sie sein.“

Der Bauer kämpfte einen Augenblick; plötzlich aber fragte er: „Hast du der Liese vorgesagt, was sie schreiben soll?“

Die Bäuerin sprach: „O wie wenig kennst du dein eigenes Kind; frag sie doch selber, wenn du zweifelst, so etwas lässt sich doch nicht befehlen. Aber jetzt möcht` ich dich etwas bitten, das solltest du mir zuliebe tun auf Weihnachten. Wolltest du nicht wieder Fried` machen mit dem Nachbar? Es ist über ein Jahr her, dass die Feindschaft besteht, da kann kein Segen dabei sein. Und wegen der miserablen Kleinigkeit, ein paar Tauben, fangt man doch keine solche Geschichte an.

Der Nachbar hat ja dir kein böses Wort mehr gegeben, seitdem ihm die Liese die Tauben brachte; nicht einmal im Wirtshaus hat er`s gesagt; lass mich hinübergehen und die Sache wieder ins Blei bringen. Das ist doch kein Christentum mehr, käm`s ja gewiss in die Hölle, wenn dir heut` ein Unglück passierte!“

So und ähnlich sprach sein treues Weib. Der Taubenbauer sagte nicht ja und nicht nein; er wurde auch nicht zornig wie sonst; immer wieder schaute er die Schiefertafel mit der Bitte seines Kindes an. Es musste ein Zauber von derselben auf ihn ausgegangen sein. Das zeigte sich auch, als er zu Bett ging, durch die Kammer hindurch, wo die Kinder schliefen. Vor Lieses Bettchen blieb er stehen und leuchtete mit der Unschlittkerze (*) hinein. Liese schlug erschreckt die Augen auf und schaute ihren Vater voll an.

(*) Eine Unschlittkerze ist eine historische Kerze, die aus Unschlitt (Talg, tierisches Fett) hergestellt wurde, also aus dem nicht für die Speisenzubereitung verwendeten Fett von geschlachteten Tieren wie Rindern oder Schafen.

„Papa“, sagte sie bloß.

„Bist halt doch meine liebe Liese“, sprach er, wie er früher so oft gesprochen hatte, und neigte sich zu ihr nieder und küsste sein Kind.

Am andern Tag fuhren der Taubenbauer und seine Bäuerin in die Stadt. Wie sie nach den verschiedenen Einkäufen für den Winter beim Essen saßen, da läuteten alle Glocken zusammen von den drei Kirchen.

„Was ist das?“ fragte die Bäuerin ihre Wirtin.

„Mission ist seit vorgestern“, war die Antwort, „Kapuziner sind da, und jeden Tag ist viermal Predigt; eben läutet`s wieder zusammen. Die ganze Stadt läuft zusammen, und ihr müsst rasch machen, wenn ihr noch sitzen wollt bei der Predigt.“

Die Bäuerin schaute ihren Mann an, und dieser sagte: „Gut, zahlen wir; einen Kapuziner möcht` ich auch einmal hören.“

Und so gingen sie in die Kirche und fanden knapp noch ein Plätzchen in dem weiten, großen Heiligtum. Was sie aber hörten, das war wie gemacht für den Bauern. Der Ordenmann predigte von der Liebe und dem Frieden, der Versöhnlichkeit und Geduld, und er legte zu Grunde die Worte, in denen der hl. Paulus die Liebe beschrieben hat:

Die Liebe ist geduldig, ist gütig, die Liebe beneidet nicht, sie handelt nicht unbescheiden, sie ist nicht ehrgeizig, sie ist nicht selbstsüchtig, sie lässt sich nicht verbittern, sie denkt nichts Arges, sie freut sich nicht der Ungerechtigkeit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, und sie duldet alles.

Und wie er nun im Verlauf der Predigt auf das Gegenteil der christlichen Liebe kam, nämlich auf die Streitsucht und Streitereien, auf die Verhetzung und den Hass und endlich auf die eigentlichen Feindschaften, da waren die Schläge wahrhaft wuchtig gegen diese Sünde schwerer Art.

„Ein Festungswerk des Satans, des Vaters des Hasses und des Neides, ist die Feindschaft im Herzen des Menschen, gewaffnet mit tausend Waffen, Türmen und Mauern des Hasses, besetzt mit tausend Absichten der Rache, der Missgunst, der Schadenfreude, des Fluches gegen den Mitbruder, den Mitarbeiter, den Mitchristen. Es ist das pure volle Heidentum, das im Herzen des Christen sitzt zum höllischen Hohn auf Taufe und Firmung, auf das Sakrament der Barmherzigkeit und der Liebe, auf Beichte und Kommunion. Wem eine Feindschaft im Herzen wuchert: ein solcher denke nicht, dass er würdig zum Tisch des Herrn geht, solange nicht diese Festung zerstört und gesprengt, solange nicht dieses kalte, eisig-hochmütige Heidentum zerschmolzen und zerflossen ist von der warmen Sonne der christlichen Liebe!“

Wie der Donner des Gerichts widerhallten diese und die anderen Worte des Ordensmannes im Innern des Taubenbauern.

Wer aber gleich nach der Predigt sich zu dem Beichtstuhl des Paters vordrängte, das war derselbe Taubenbauer. Mit dem ersten lieben Wort, das er seinem Kind wieder geschenkt, war es warm geworden in seiner Seele, und nun brach der Frühling der Gnade machtvoll sich weiter Bahn in derselben.

Und als der Bauer und seine Bäuerin spät am Abend heimfuhren, da war`s ihm wohl und leicht und fröhlich, dass er hätte singen und jauchzen mögen in die herrliche, mondklare Winternacht hinaus, und der Schlitten sauste dahin, wie von Flügeln getragen. Es war gründlich ausgefegt worden, und wie das bei jeder Beichte ist, so auch hier: Was dem armen, stolzen Herzen fast unmöglich geschienen war vor der Beicht – das war ihm jetzt so leicht und selbstverständlich, dass er die Stunde herbeisehnte, wo er sich mit dem Nachbar aussöhnen konnte.

Die Gnade hatte das mit ihrer Allmacht vollendet, was dem natürlichen Menschen von sich aus nicht gelungen wäre, und die Gnade machte es nicht bloß möglich, sondern leicht und erstrebenswert.

Und im Heimfahren machte der Taubenbauer den Plan, wie er dem Klingenbauer eine Freude machen und dann wieder gut mit ihm werden wolle.

Es war am heiligen Weihnachtsmorgen, in aller Frühe. Tief ruhten noch Feld und Wald im nächtlichen Frieden, der Mond goss sein sanftes Licht auf die Schneelandschaft aus, und dumpf erklangen von ferne herauf aus der Tiefe, wo das Dorf lag, die Glocken durch die Nacht. Es war das erste Zeichen zur Christmette. Von den beiden Nachbarhöfen weg ging je ein kleiner Trupp dunkler Gestalten mit Laternen hinab zur Kirche; des Klingenbauern Leute auf der gewöhnlichen Landstraße, die des Taubenbauern auf einem ihnen näher gelegenen Fußweg.

Vor seinem Abgang schaute der letztere noch ein paar prachtvolle Tauben an, die in der Stube im Käfig saßen; es waren neue Japaneser, die schönsten weit und breit. Dann sagte er zur Bäuerin: „Gleich nach dem Hirtenamt geht die Liese und ich rasch heim, damit wir schon auf dem Klingenhof sind, wenn die Leute dort zurückkommen, du gehst mit den anderen Kindern hübsch langsam heim. Die Liese setz` ich auf den Rücken und trag` sie den Berg hinauf, dass wir nicht zu spät im Klingenhof sind.“

Das sollte die Versöhnung geben. Die Liese sollte voraus in die Stube treten, gerade wenn dieser mit seinen Leuten vom Gottesdienst heimkehrte, und sollte demselben zum Christkind das Paar Japanesertauben bringen, und nach der Liese wollte der Vater kommen und selbst das weitere sagen. Das war der Plan.

Das Engelamt begann in der Kirche, und seit langem wieder war`s dem Taubenbauern wohl und leicht zu Mute, und er freute sich, wie wenn er schon halb im Himmel wäre. Und als nun das alte Lied anhub: „Still leuchtete der Sterne Pracht“, da sang der Bauer zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit aus vollem Herzen:

„Wie schön bist du, o Kind, wie schön,
Du Friedenskind aus höchsten Höh`n …
Aus meinem Herzen strömt ein Lied,
Das flammend aus der Seele glüht,
Gesungen sei`s dem König groß,
Dem Kinde auf der Jungfrau Schoß,
Dem König alles Friedens!“

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Video: Still leuchtete der Sterne Pracht

 

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=sgbD7Oq-v1A

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Droben im Klingenhof, der, wie sein Name sagte, tief eingebettet und in einer Schlucht lag, ging zu gleicher Zeit Unheimliches vor.

Zwei robuste Gestalten waren in den stillen Hof geschlichen, einer hatte mit sicherem Schlag den kleinen Kettenhund betäubt, dann drückten sie ein Fenster in der Wohnstube ein; es war aber zu klein, als dass einer hätte durchschlüpfen können. Fluchend machten sie sich an die Haustüre, um dieselbe aufzubrechen; es brauchte lange Zeit, bis sie drinnen waren.

Unterdessen ertönten von innen schwache Hilferufe: der alte Großvater war es, der, wie die Einbrecher wohl wussten, allein auf dem Hof war an diesem Morgen. „Zuerst in die Küche“, flüsterte der eine, „Ruß ins Gesicht, dass er uns nicht kennt.“ Nachdem auch das geschehen war, so machten sie Licht. Dann gingen sie den fürchterlich rufenden Greis zu suchen, der sich in der Kammer eingeschlossen hatte. Endlich war auch diese Tür gesprengt, und der alte Mann lag bald fest geknebelt auf dem Boden.

Jetzt ging`s ans Aufsprengen des Wandkastens und dann des kleinen Schreibpultes des Klingenbauern, wo das Geld war. Nachdem dies geraubt war, machten sie sich auch an den Speck und das Kirchenwasser. „Nur rasch, es ist spät geworden“, drängte der eine, – „ach was, es pressiert nicht so“, meinte der andere und schnitt ein großes Stück von dem daliegenden Fest-Weißbrot ab. –

Unterdessen war der Taubenbauer mit seinen Riesenschritten schon auf dem Weg zu seinem Hof zurück, das Lieschen lief wie ein Häschen nebenher; rasch nahm sie die zwei Japanesertauben aus dem Käfig, und dann ging`s wieder im Eilschritt dem Klingenhof zu, während der Vater das Mädchen trug, das die Tauben hielt.

„Es ist schon Licht im Klingenhof“, sagte das Lieschen.

„Die sind aber bald heimgekehrt“, meinte der Vater, setzte das Lieschen im Hofe ab, und nun ging das Mädchen mit den Tauben voran durchs offene Haustor und in die Stube hinein.

„Wünsche fröhliche Weihnachten und das Christkindlein ins Herz!“ rief das Kind mit voller, fröhlicher Stimme. Im selben Augenblick gellte ein furchtbarer Fluch durch das Zimmer, das Licht erlosch, und die zwei Raubgesellen sprangen auf die Türe zu, um hinauszueilen.

Aber plötzlich schlug`s ihnen ins Gesicht wie Geisterhände, und wie Wind umflatterte sie es. Die Tauben waren es, die freigelassen, ihnen in der Dunkelheit ins Gesicht flatterten. Im selben Augenblick aber war die Riesengestalt des Taubenbauern hinter dem Lieschen aufgetaucht, in einem Nu hatte er die Situation überschaut, im nächsten Moment hatte er, mit seinen Fäusten vor sich greifend, die beiden Einbrecher im Genick und stieß ihre Schädel aufeinander, dass beide laut um Gnade baten, während das Lieschen fürchterlich zu schreien begann.

Draußen aber nahten jetzt Stimmen und eilige Schritte; es war der Klingenbauer und sein Weib. In wenigen Minuten war Licht gemacht; jeder der beiden Männer hielt nun einen Verbrecher fest, bis die Bäuerin die Stricke geholt hatte, mit denen sie gründlich gebunden wurden, nachdem ihnen das gestohlene Geld abgenommen war.

Und dann feierte man die Versöhnung, wobei der Taubenbauer die Genugtuung empfand, dass unser Herrgott ihm Gelegenheit gegeben, den Nachbar, den er einst hatte schädigen wollen, nun vielfach mehr vor dem Schaden bewahrt zu haben.

Und ins Hochamt gingen dann die beiden Familien zusammen in Eintracht und den Frieden des Christkindes im Herzen.

Aus: Konrad Kümmel, Sonntagsstille, Christmonat 2. Hälfte, 1906, S. 283 – S. 297

Weitere Weihnachtserzählungen von Konrad Kümmel siehe auf katholischglauben.info:

Siehe auch die Friedensenzyklika von Papst Pius XI.:

Einige Angaben zur Person des Priesters Konrad Kümmel

Porträt des Priesters und Autor Konrad KümmelKonrad Kümmel (* 22. April 1848 in Rechberg, heute ein Teil von Schwäbisch Gmünd; † 20. Juni 1936 in Stuttgart) war ein katholischer Priester, Päpstlicher Hausprälat, deutscher Schriftsteller, bekannter Buchautor von volkstümlichen Erzählungen und Zeitungsredakteur.

Überregionale Bekanntheit im gesamten deutschsprachigen Raum erlangte Konrad Kümmel als Autor volkstümlicher Erzählungen meist religiösen, historischen oder kirchengeschichtlichen Inhalts. Sie erschienen in diversen Sammelbänden und gehörten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Standardrepertoire katholischer Volks- und Pfarrbibliotheken, aber auch von überkonfessionellen Büchereien. Kümmel wurde mit dem Ehrentitel eines Päpstlichen Hausprälaten ausgezeichnet und Papst Leo XIII. verlieh ihm 1889 das Ehrenzeichen Pro Ecclesia et Pontifice. Außerdem wurden ihm die „Kriegsgedenkmünze 1870/71“ und die „Kaiser-Wilhelm-Medaille“ verliehen.

Die Kirchenzeitung des Bistums Speyer (Nr. 26, vom 28. Juni 1936) ‚Pilger‘ bezeichnet ihn als den „Altmeister der katholisch-volkstümlichen Erzählkunst“. Monsignore Kümmel sagte von sich selbst:

„Meine Feder ist mir – natürlich nächst Gott – mein alles; keine Widerwärtigkeit, keine bittere Enttäuschung hat mir die Liebe zum Volk und die Liebe zum Schreiben für das Volk nehmen können. Das Schreiben geht mir leicht, weil es mich freut. … Kein Musiker kann sein Instrument so lieben, wie ich meine Feder.“

Bis zu seinem Tod war Kümmel als Seelsorger in Böblingen und Hausgeistlicher der herzoglichen Familie tätig. Seinem Wunsch gemäß wurde sein Leichnam auf dem Hohenrechberg beigesetzt. (aus Wikipedia Stichwort Konrad Kümmel)

Bildquellen

  • kuemmel-sonntagsstille-christmonat-2: © https://weltgeschehen.info
  • Konrad_Ku_mmelJS: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • ehre-sei-gott-in-der-hoehe: youtube

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