Enzyklika Ubi arcano Der Friede Christi
Rundschreiben Papst Pius XI. vom 23. Dezember 1922
Der Friede Christi im Reich Christi
Ausführliches Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Das Rundschreiben wurde durch dringliche Aufgaben und Ereignisse trauriger und freudiger Art verzögert
2. Der Inhalt des Rundschreibens ist die Wiederherstellung des wahren Friedens nach dem Weltkrieg
3. Um den Frieden zu erreichen, müssen zunächst die Übel, die ihn verhindern, ins Auge gefasst und deren Ursachen aufgedeckt werden
II. Die Übel der Zeit
1. Der Geist des Hasses lässt die Völker nicht zur Ruhe kommen
a) Im Orient herrschen Elend, Schrecken und Kriegsgefahr
b) Das Abendland leidet unter den Kriegsfolgen und unter dem Hass der Besiegten und der Sieger untereinander
2. Innerer Hader bedroht die Staaten und die Gesellschaft
a) Durch Klassenkampf
b) Durch Parteikämpfe
c) Durch Zerrüttung der Familie
d) Durch moralische Zersetzung des Einzelmenschen
3. Das religiöse Leben ist gefährdet
a) Im Allgemeinen
b) Durch Zweckentfremdung kirchlicher Gebäude
c) Durch Priestermangel
d) Durch Hemmung der Missionstätigkeit
III. Die Ursachen der Zeitübel
1. Der Scheinfriede konnte den Hass nicht verbannen
2. Die Gier nach irdischen Gütern vergiftet den Einzelmenschen und die Gesellschaft
3. Die Selbstsucht erzeugt maßlosen Nationalismus
4. Die tiefere Ursache liegt in der Abkehr von Gott
Die Gottlosigkeit untergrub
a) Die Autorität des Staates
b) Die Heiligkeit der Ehe
c) Die christliche Erziehung der Jugend
5. Die Folgen waren Völker- und Bürgerkriege
IV. Die Heilmittel gegen die Zeitübel
1. Gegen den Hass
a) Der Friede muss in die Herzen der Menschen einziehen
b) Er muss ein Friede der Gerechtigkeit und der Liebe sein
c) Er muss seine Nahrung aus dem Ewigen ziehen
d) Das schließt den rechten Gebrauch der irdischen Güter nicht aus
e) Der christliche Friede schützt die Reinheit der Sitten und den Adel des Menschen
2. Gegen die staatliche Zerrüttung
a) Recht und Autorität müssen wieder auf Gott zurückgeführt werden
b) Die Kirche muss ihre heilende Kraft entfalten können
1. Als Hüterin und Verkünderin der Glaubens- und Sittenlehren
2. Als einzige allgemein verpflichtende Autorität
3. Als Schützerin des Völkerrechts
4. Als Hüterin der Rechte Gottes über die einzelnen und die Gesellschaft
c) Christus muss wieder herrschen:
1. Im Einzelmenschen
2. In der Familie
3. Im Staat
3. Nur im Reich Christi ist Christi Friede möglich
V. Die Durchführung des Friedenswerkes
1. Die Kardinäle und Bischöfe
a) Als „Vorbilder der Herde“
b) Bei der geplanten Wiederaufnahme des Vatikanischen Konzils
c) Durch zeitgemäßen Ausbau des begonnenen Werkes der religiösen Erweckung, Pflege und Förderung von religiösen Vereinen, und besonders der Katholischen Aktion
2. Die Weltpriester durch Eifer im Beruf, sittenreines Leben und Gehorsam
3. Die Ordensleute durch ihr heroisches Beispiel
4. Die Laien durch Verbreitung der Kenntnis und Liebe Christi in Unterordnung unter ihre Bischöfe und Priester
VI. Die Gefahren bei der Durchführung des Friedenswertes
1. Der Krieg und die soziale Umwälzung haben auch die Besten gefährdet
2. Viele bekennen die katholische Lehre, aber wirklichen sie nicht
3. Die Missachtung der päpstlichen Lehren und Weisungen ist
Modernismus
4. Die Glaubenskraft, besonders in der Jugend, muss geweckt und
gesteigert werden
VII. Hoffnungen und Wünsche im Hinblick auf den Frieden
1. Beten wir um die Einigung aller im Glauben und in der einen Kirche
2. Die freundschaftlichen Beziehungen fast aller Staaten zu dem HI. Stuhl sind ein glückliches Vorzeichen. Dabei ist zu beachten:
a) Die Kirche fördert mit dem ewigen auch das zeitliche Wohl der einzelnen und der Gesellschaft
b) Sie mischt sich nicht in die Politik, verteidigt aber die Rechte Gottes
c) Sie schließt keinen Vertrag, der ihre Würde und Freiheit verletzt
3. Italien hat sich bisher leider noch nicht mit dem HI. Stuhl verständigt. Dazu ist zu sagen:
a) Die Kirche muss rechtlich und tatsächlich unabhängig sein und
erscheinen
b) Das bisherige Verhältnis zu Italien ist unerträglich
c) Darum erneuert der Papst, frei von jedem Streben nach weltlicher
Herrschaft, die Proteste seiner Vorgänger
d) Des Papstes Gedanken sind nur auf den Frieden gerichtet
VIII. Schluss
Alle Gläubigen mögen um die Wiederherstellung des Friedens beten
Ubi arcano – Der Friede Christi
An die Ehrwürdigen Brüder, Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und die sonstigen Ordinarien, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl stehen.
Ehrwürdige Brüder!
Gruß und Apostolischen Segen!
I. Einleitung.
1. Das Rundschreiben wurde durch dringliche Aufgaben und Ereignisse trauriger und freudiger Art verzögert
1. Von dem Tage an, da Wir durch Gottes unerforschlichen Ratschluss ohne irgendein eigenes Verdienst auf diesen Thron der Wahrheit und Liebe erhoben wurden, ist es stets Unsere Absicht gewesen, Ehrwürdige Brüder, Euch und alle Eurer Sorge anvertrauten Kinder so bald wie möglich in einem herzlichen Schreiben zu begrüßen. Diese Absicht haben Wir gleich nach der Wahl bekundet, als Wir von der Loggia der Peterskirche aus, vor einer unübersehbaren Menschenmenge, Unseren Segen der Stadt und dem Erdkreis segneten und spendeten.
Das freudige und begeisterte Echo, das Uns von allen Seiten antwortete, allen voran des hl. Kardinalkollegiums, war für Uns gerade in diesem bangen Augenblick, da wir die Last des Pontifikats auf Unsere Schultern nehmen sollten, nächst dem Vertrauen auf die Hilfe Gottes eine besondere Quelle von Mut und Trost. Erst heute, an der Vigil des Geburtstages Unseres Herrn Jesus Christus und kurz vor Beginn des neuen Jahres, kommt Unser Wort zu Euch (2. Kor. 6, 11); möchte es doch eine Art Weihnachtsgeschenk sein und ein Segenswunsch, mit dem der Vater sich an seine Kinder wende!
Sorgen
Dass Wir nicht früher Unsere Absicht verwirklichen konnte, daran tragen verschiedene Ursachen die Schuld: Fürs erste mussten Wir Antwort geben auf die zahlreichen, herzlichen Schreiben an Uns, in denen die Katholiken den neuen Nachfolger des hl. Petrus begrüßten und ihm den Ausdruck ihrer Liebe und Ergebenheit übermittelten. Sodann traten schon bald die ersten Sorgen an Uns heran, das, was der Apostel nennt der tägliche Andrang zu mir, die Sorge um alle Gemeinden (2. Kor. 9, 28).
Zu den gewöhnlichen Arbeiten gesellten sich noch außergewöhnliche Aufgaben: Wir mussten die früher schon begonnenen hochbedeutsamen Verhandlungen über das Heilige Land und über die Interessen der Christen und der Hauptkirchen daselbst fortführen; Wir mussten bei den Konferenzen, wo die Siegerstaaten über das Schicksal der Völker entscheiden wollten, die Sache der Liebe und Gerechtigkeit vertreten, so wie Unser Amt es erfordert, und besonders dahin wirken, dass dem überragenden Wert des Geistlichen vor dem Zeitlichen gebührend Rechnung getragen werde.
Wir mussten das Liebeswerk für die armen, von Hunger und Leiden aller Art heimgesuchten Völkern in verschiedenen Ländern fest in die Hand nehmen; Wir taten es durch Spenden aus Unseren eigenen bescheidenen Mitteln, sowie durch Inanspruchnahme der Wohltätigkeit der ganzen Welt. Wir mussten endlich in Unserm Heimatvolk, in dessen Mitte Gott den Stuhl des hl. Petrus errichtet hat, Kampf und Streit und Gewalttat, die seit geraumer Zeit sich häuften und die Existenz der teuren Heimat bedrohten, beizulegen trachten.
Freuden
Demgegenüber fehlte es aber auch zur selben Zeit nicht an Ereignissen, die Uns große Freude bereiteten. Da waren zunächst der 26. Internationale Eucharistische Kongress und das 3 Zentenar der Propaganda, Tage so unaussprechlichen himmlischen Trostes, wie Wir sie zu Beginn Unseres Pontifikates kaum zu erhoffen wagten. Bei diesen Anlässen hatten Wir Gelegenheit, fast alle Mitglieder des Hl. Kardinalskollegiums in Privataudienz zu empfangen, desgleichen so viele Bischöfe zu sprechen, in solcher Zahl, wie Wir sie sonst kaum iin einer Reihe von Jahren hätten sehen können.
Zudem konnten Wir Tausende und Abertausende von Gläubigen, gleichsam Abordnungen der großen Familie, die Gott Uns anvertraut hat, aus allen Völkern, Stämmen, Geschlechtern und Sprachen (Off. 5, 9), wie es in der Geheimen Offenbarung heißt, empfangen und Unserem Herzensdrang folgend in väterlichen Ansprachen erfreuen. – Dann kamen die Schauspiele wie aus einer anderen Welt, die sich Unseren Augen darboten. Jesus Christus, Unser unter den Brotsgestalten verborgener Erlöser, wurde unter dem Geleit einer unübersehbaren Menge von Gläubigen aus aller Welt wie im Triumphzug durch die Stadt Rom getragen, und es schien einen Augenblick, als wolle er die gebührende Huldigung als König der Einzelnen und der Völker wieder entgegennehmen.
Priester und fromme Laien legten frei und offen vor aller Welt den Geist des Gebetes und des Apostolats an den Tag, wie wenn ein neues Pfingstwunder an ihnen geschehen wäre; dazu nun noch der lebendige Glaube des römischen Volkes, der wieder wie ehedem von aller Welt bezeugt und gerühmt ward zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Seelen.
Und dann der Triumphzug zu Ehren der Jungfrau Maria, die Mutter Gottes und unser aller Mutter! Ihr Gnadenblick hatte schon auf Uns geruht in den Heiligtümern von Czenstochau und Ostrabrama und in der Wundergrotte zu Lourdes, besonders oft aber in Mailand, wo ihr Bild in luftiger Höhe den herrlichen Dombau krönt, und im nahen Heiligtum von Rhò; jetzt nahm sie huldvoll Unser Werk kindlicher Liebe in Loreto entgegen, wohin Wir nach Beseitigung der Feuerschäden der Basilika das ehrwürdige Gnadenbild brachten, nachdem es kunstvoll erneuert, von Unserer Hand geweiht und gekrönt worden war.
Es war ein herrlicher Anblick: Vom Vatikan bis nach Loreto, eine ununterbrochene Huldigung der Gläubigen; von allen Seiten strömten Leute aller Stände herbei und wetteiferten miteinander, ihre innige Verehrung für Maria und für den Stellvertreter Jesu Christi zu bezeigen.
2. Der Inhalt des Rundschreibens ist die Wiederherstellung des wahren Friedens nach dem Weltkrieg
2. Im Lichte dieser frohen und traurigen Ereignisse, die Wir dem Gedächtnis der Nachwelt überlieferten, erkannten Wir immer deutlicher, welches die Hauptaufgabe Unseres Pontifikates sei und welches Wort Wir im ersten Rundschreiben Euch sagen müssten.
Eins liegt klar vor aller Augen: bis zur Stunde haben weder die Einzelnen, noch die Gesellschaft, noch die Völker nach dem Kriegsunglück den wahren Frieden gefunden. Immer noch vermisst man die Tage ungestörter, nutzbringender Arbeit, nach denen alle Welt sich sehnt.
3. Um den Frieden zu erreichen, müssen zunächst die Übel, die ihn verhindern, ins Auge gefasst und deren Ursachen aufgedeckt werden
3. Will man, wie das Unsere Absicht ist, wirksame Abhilfe schaffen, so muss man vorerst die ungeheure Größe des Übels bestimmen, dann dessen tiefste Wurzel bloßlegen. Das wollen Wir in diesem Rundschreiben tun, wie es Unser Apostolisches Amt Uns zur Gewissenspflicht macht und auch weiterhin damit fortfahren, so wie es die Pflicht Unseres Apostolischen Amtes erheischt. Die traurigen Zeitverhältnisse, wie sie während des ganzen Pontifikats Unseres hochseligen Vorgängers Benedikts XV. zu dessen größtem Schmerz herrschten, sind auch heute noch die gleichen; deshalb liegt es nahe, seine Gedanken und Pläne um die Zeitübel zu den Unsrigen zu machen.
Möchten alle Gutgesinnten mit Uns eins sein in Ziel und Weg und unablässig mit Uns beten, dass Gott der Menschheit endlich einen wahren und dauernden Frieden schenke.
II. Die Übel der Zeit
1. Der Geist des Hasses lässt die Völker nicht zur Ruhe kommen
4. Auf unsere Zeit passen voll und ganz die Worte der Propheten: Wir hofften auf den Frieden, und es kommt nichts Gutes; auf Heilung, und siehe, es kommt Schrecken (Jer. 8 15); auf die Stunde der Genesung, und siehe, da kommt Angst (Jer. 14, 19), wir harren des Lichtes, und siehe Finsternis …; des Gerichtes, und es kommt nichts; des Heiles, und es flieht vor uns“(Is. 59, 9, 11).
a) Im Orient herrschen Elend, Schrecken und Kriegsgefahr
5. Hat man in Europa die Waffen niedergelegt, so brechen doch über den Nahen Orient neue Kriegsstürme herein; auf weite Strecken hin, Ihr wisst es ja, herrschen Elend und Schrecken; Unglückliche sonder Zahl, Greise, Frauen, Kinder fallen Tag für Tag dem Hunger, der Pest, der Plünderung zum Opfer.
b) Das Abendland leidet unter den Kriegsfolgen und unter dem Hass der Besiegten und der Sieger untereinander
6. In den Ländern, in denen gestern der Krieg wütete, ist die alte Feindschaft keineswegs erstorben; im Gegenteil, sie lebt fort und tritt auf, hier in versteckter Form in der Politik oder im Wirtschaftsleben, dort unverhüllt in Zeitungen und Zeitschriften; sogar vor den Gebieten macht sie nicht halt, die ihrer Natur nach solchem grimmigem Streit entrückt sein müssten, wie Kunst und Wissenschaft. Die bösen Folgen davon sind unvermeidlich: der internationale Hass und Streit lässt die Völker nicht zur Ruhe kommen; Feindschaft herrscht zwischen Siegern und Besiegten, ja auch die Sieger sind untereinander entzweit; die Schwächeren wähnen sich von den Stärkeren übervorteilt und ausgebeutet, die Stärkeren vermeinen, mit Unrecht der Gegenstand des Hasses der Schwächeren zu sein.
Alle miteinander aber, die Neutralen nicht ausgenommen, empfinden die traurigen Wirkungen des Krieges, am meisten natürlich die Besiegten. Je mehr die Heilung sich verzögert, desto mehr verschärfen sich die Übel, besonders da die mehrfachen Versuche und Konferenzen der Staatsmänner über Erwarten erfolglos verliefen. So wächst die Angst vor neuen, noch entsetzlicheren Kriegen und zwingt alle Staaten zur Kriegsbereitschaft. Dabei erschöpft sich die Geldkraft ebenso wie die Volkskraft, und neben dem wissenschaftlichen Leben erleidet namentlich auch das religiöse und sittliche Leben den schwerste Schaden.
Um das Elend noch zu vertiefen, gesellt sich zu den äußeren Feindseligkeiten innerer Hader, der nicht nur die Staaten, sondern die menschliche Gesellschaft überhaupt bedroht.
2. Innerer Hader bedroht die Staaten und die Gesellschaft
a) Durch Klassenkampf
7. Da steht an erster Stelle der Klassenkampf, der sich wie ein tödliches Geschwür bis ins Mark der Nationen eingefressen hat und Handel, Gewerbe, Industrie, kurz alle Quellen der öffentlichen und privaten Wohlfahrt vergiftet. Dieses Übel wird noch gefahrbringender, einerseits durch die wachsende Gier nach materiellen Gütern, anderseits durch die egoistische Sucht, sie festzuhalten, dann durch die Begierde nach Macht und Besitz, die beiden gemeinsam ist. Daher häufige Arbeitseinstellungen, freiwillige oder aufgenötigte, daher Volksaufstände und in ihrem Gefolge gewaltsame Unterdrückungsmaßregeln: alles zum unermesslichen Schaden der Allgemeinheit.
b) Durch Parteikämpfe
8. Dazu kommen die Parteikämpfe um die Herrschaft im Staat. Eigentlich müssten die verschiedenen Parteien in gegenseitigem Wetteifer, jede in ihrer Art, dem Gemeinwohl aufrichtig dienen; stattdessen sehen wir nur zu oft, wie sie rücksichtslos ihre selbstsüchtigen Zwecke verfolgen, mögen die anderen darunter auch noch so sehr leiden. Welches muss das Ende sein?
Verschwörungen nehmen überhand; Hinterlist und Gewaltakte gegen friedliche Bürger und sogar gegen die Behörden sind an der Tagesordnung, ebenso wie Terror, Bedrohung, offener Aufstand und andere Ausschreitungen; alles das muss um so verderblicher wirken, je größeren Anteil das Volk an der Staatsregierung hat, wie dies bei den modernen demokratischen Regierungen der Fall ist. Zwar verwirft die Kirche diese Regierungsform nicht (wie überhaupt keine Einrichtung, die dem Recht und der Vernunft gemäß), aber es ist doch eine bekannte Tatsache, dass dieses Regierungssystem für Parteiränke besonders zugänglich ist.
c) Durch Zerrüttung der Familie
9. Leider ist dieses Übel schon bis in die tiefsten Wurzeln der menschlichen Gesellschaft, bis zur Familie vorgedrungen. Wohl war diese schon geraume Zeit bereits in einem Zersetzungsprozess begriffen, aber ihr Verfall wurde dadurch beschleunigt, dass der Krieg Vater und Sohn dem häuslichen Herde entführte und auf tausenderlei Art der Sittenverderbnis Vorschub leistete. So sieht man denn die väterliche Autorität vielfach verachtet, die Bande des Blutes gelockert, Herrschaften und Dienstboten einander feindselig gesinnt, die eheliche Treue verletzt die Pflichten der Eheleute gegen Gott und die Gesellschaft mit Füßen getreten.
d) Durch moralische Zersetzung des Einzelmenschen
10. Wie aber die Krankheit eines Organismus oder eines seiner edleren Teile notwendig alle, auch die letzten Glieder in Mitleidenschaft zieht, so muss auch das Übel, dass die Gesellschaft und die Familie befallen hat, auf den Einzelnen übergreifen. So ist es in der Tat gekommen, wie jedermann sehen kann.
Die Menschen, gleichviel welchen Alters oder Standes, sind ergriffen von einer geistigen Unruhe, die sie reizbar und anspruchsvoll macht; Widerwille gegen Gehorsam und gegen Arbeit sind im Schwang; die Schranken der Sittlichkeit, namentlich in Mode und Tanz, sind niedergerissen durch die Leichtfertigkeit von Frauen und Mädchen, die mit ihrem aufdringlichen Luxus den Hass der Enterbten herausfordern; die Masse der Notleidenden endlich ist in stetem Wachsen begriffen und liefert der Armee des Umsturzes immer neuen, gewaltigen Zuwachs.
Also, an Stelle vertrauensvoller Sicherheit wachsende Ungewissheit und drohende Furcht; an Stelle geordneter Arbeit Trägheit und Müßiggang; an Stelle der ruhigen, festen Ordnung, die den Frieden verbürgt, allgemeine Unordnung und Verwirrung! Was Wunder, wenn die Industrie krankt, der Welthandel stockt, Wissenschaft und Kunst darniederliegen! Noch mehr, vielerorts schwindet die wahrhaft christliche Lebensführung, so zwar, dass die Menschheit, weit entfernt, von jenem unbegrenzten Fortschritt aller Art, dessen sie sich zu rühmen pflegt, vielmehr in die wildeste Barbarei zurückzufallen scheint.
3. Das religiöse Leben ist gefährdet
a) Im Allgemeinen
11. Als seien es der Übel nicht genug, kommen nun noch jene hinzu, für die der sinnliche Mensch kein Verständnis hat (1. Kor. 2, 14), in denen Wir aber eigentlich die schwersten Schäden der Gegenwart zu erblicken haben: Wir meinen die Verheerungen in der geistigen, d. h. Übernatürlichen Ordnung. Ist doch mit dieser Ordnung aufs engste das Leben der Seelen verbunden, und so weit der Geist den Stoff überragt, so weit lässt geistiger Schaden den Verlust der materiellem Güter hinter sich zurück.
b) Durch Zweckentfremdung kirchlicher Gebäude
12. Ohne zurückzukommen auf die schon erwähnte Vernachlässigung der Christenpflichten, welch bitterer Schmerz ist es für Uns und für Euch, Ehrwürdige Brüder, dass so viele Kirchen, die der Krieg profanen Zwecken ausgeliefert hat, bis zur Stunde noch nicht ihrem heiligen Zweck zurückgegeben sind! Dass zahlreiche Seminarien, die der religiösen Heranbildung der Lehrer und Führer dienen sollten und damals geschlossen werden mussten, immer noch nicht geöffnet werden können.
c) Durch Priestermangel
13. Dass fast überall die Reihen der Priester gelichtet sind, da die einen mitten aus ihrem heiligen Dienst vom Krieg hinweggerafft wurden, die anderen, ihrer heiligen Verpflichtungen uneingedenk, infolge ihrer Verfehlungen auf Abwege gerieten! Dass vielerorts das Lehrwort auf der Kanzel verstummen muss, während es doch so notwendig ist zum Aufbau des Leibes Christi (Eph. 4. 12).
d) Durch Hemmung der Missionstätigkeit
14. Wurden nicht unsere Missionare von den entlegensten Teilen der Erde her, mitten aus dem Missionsfeld, auf dem sie sich erfolgreich für Religion und Zivilisation abgemüht, heimgerufen, um des Krieges Lasten mitzutragen, und wie wenige nur sind heil und gesund zu ihrem Arbeitsfeld zurückgekehrt?
Wohl ist es wahr, dass diese Schäden teilweise aufgewogen wurden; denn der üblichen gegnerischen Verleumdungen zum Trotz sah alle Welt, wie im Herzen des Klerus echte Vaterlandsliebe und strenges Pflichtgefühl wohnte, und oft genug erlebte man es, dass solche, die Tag für Tag das herrliche Beispiel von Tapferkeit und Opfermut des Klerus vor Augen hatten, sich im Angesicht des Todes mit dem Priester und der Kirche und Priester aussöhnten. Darin eben liegt ein wunderbarer Erweis der Güte Weisheit Gottes, dass er allein sogar das Böse zum Guten zu wenden weiß.
IIl. Die Ursachen der Zeitübel
15. Das sind die Übel, unter derenDruck die Welt heute leidet. Wenn Wir nun daran gehen, deren Ursachen zu ergründen und darzulegen, so kommt es Uns vor, als hörten Wir den göttlichen Tröster und Arzt der menschlichen Gebrechen die Worte wiederholen: All dieses Böse kommt aus dem Innern heraus (Mark. 7, 23).
1. Der Scheinfriede konnte den Hass nicht verbannen
16. Wohl wurde der Friede unter den Kriegführenden feierlich geschlossen; aber er blieb nur in den diplomatischen Urkunden geschrieben, in die Herzen der Menschen fand er keinen Eingang. Dort lebt bis zur Stunde noch der alte Kriegsgeist und wächst sich mit jedem Tag weiter zu einem drohenden Verhängnis für die Gesellschaft aus. Leider nur allzu lang hat überall die Gewalt triumphiert. Unvermerkt unterdrückte sie die Gesinnungen der Barmherzigkeit und Güte, die die Natur allen eingepflanzt und das christliche Gesetz der Liebe vervollkommnet hat. Und dieser Friede, mehr Schein als Wirklichkeit, hat wahrhaftig nicht jene Gesinnungen wieder zu Ehren gebracht.
Im Gegenteil, der langgewohnte Hass ist bei weitaus den meisten wie zur zweiten Natur geworden; im Großen sehen Wie sich wiederholen, was St. Paulus an sich erfahren und beklagt hat, wenn er von dem blinden Gesetz spricht, das allzeit dem Gesetz des Geistes widerstreitet. Oder ist es nicht so? Ist leider nicht zu oft der Mensch dem Menschen fremd und feind, statt nach Christi Gebot sein Bruder zu sein? Beanspruchen nicht Kraft und Zahl heute den Wert und die Bedeutung, die einzig der Würde und Persönlichkeit des Menschen eignen? Sucht man nicht den Nächsten zu unterdrücken, um so viel wie möglich von den Gütern dieses Lebens zu erraffen?
Ja, so ist es; Hand in Hand mit der Verständnislosigkeit für die ewigen Güter, die Christus durch seine Kirche den Menschen fortgesetzt anbietet, geht allenthalben ein unersättlicher Hunger nach dem Irdischen und Vergänglichen.
2. Die Gier nach irdischen Gütern vergiftet den Einzelmenschen und die Gesellschaft
17. Nun liegt es in der Natur der äußeren Güter, dass das ungeordnete Verlangen nach ihnen Quell und Wurzel aller Übel ist, besonders der Sittenlosigkeit und Zwietracht. Denn vorerst können jene Güter, wertlos und nichtig wie sie sind, das Menschenherz nicht sättigen; von Gott und für Gott geschaffen bleibt das Herz unruhig, bis es im Schoße Gottes ruht.
Sodann sind jene Güter begrenzt und beschränkt; je mehr daher sich darin teilen, um so weniger entfällt auf den einzelnen, während die geistigen Güter unzählige bereichern, ohne in sich abzunehmen. Wenn sie also weder alle in gleicher Weise noch irgendjemand völlig befriedigen können, müssen sie notwendig zum Anlass von Streit und Ärger werden und sind nichts als Eitelkeit und zur Geistesplage (Eccl. 1, 2, 14), wie der allerweiseste Salomo sie aus eigener Erfahrung genannt hat. Mit der Gesellschaft verhält es sich hier genau so wie mit den Einzelnen. Woher Kampf und Streit unter Euch? sagt der Apostel Jakobus, nicht daher, aus euren Begierden?“ (Jak. 4, 1).
So wird die Fleischeslust, die Genusssucht, zum Todeskeim, der Familie und Staat vergiftet; so wird die Augenlust, die Habsucht, zu Klassenkampf und sozialer Selbstsucht; so wird die Hoffart des Lebens, die Herrschsucht, zur Anstifterin der erbitterten Parteikämpfe, in denen man sogar vor Majestätsverbrechen, Hochverrat Vaterlandsmord nicht zurückschreckt.
3. Die Selbstsucht erzeugt maßlosen Nationalismus
18. Gerade diesen ungeordneten Begierden, die so gern sich in den Deckmantel der Vaterlandsliebe und der Sorge für das öffentliche Wohl hüllen, ist es zuzuschreiben, wenn von Zeit zu Zeit unter den Völkern erbitterte Kämpfe entstehen.
Obgleich diese Liebe zu Heimat und Volk eine reiche Quelle von Tugenden und Heldentaten sein kann, wenn sie Christi Gesetz zur Norm hat, so wird sie doch zum Anlass schreienden Unrechts, wenn sie die rechten Grenzen überschreitet und in maßlosen Nationalismus ausartet; wenn sie vergisst, dass die anderen Nationen ebenfalls ein Recht auf Leben und Gedeihen haben; wenn sie vergisst, dass man nie ungestraft das Interesse vor das Recht setzen darf. Denn die Gerechtigkeit erhöht die Völker, die Sünde aber verelendet die Nationen (Spr. 14, 34).
Mag auch ein derartiger Gewinn für die Familie, die Gesellschaft oder den Staat in den Augen der Menschen als glänzend erscheinen, ist er erworben um den Preis von Ungerechtigkeit gegen die Mitmenschen, so ist er nicht von Bestand, sondern dem Untergang geweiht. »Ein Glück ist es mit dem Glanz und der Zerbrechlichkeit des Glases, für das man unter Zittern und Zagen befürchten muss, es könnte plötzlich in Stücke gehen.« (De Civ. Dei IV 3).
4. Die tiefere Ursache liegt in der Abkehr von Gott
19. Noch tiefer müssen wir forschen, wollen wir die Gründe finden, weshalb wir den Frieden und damit die Heilung der vielen Schäden schmerzlich vermissen. Schon lange vor dem europäischen Krieg war die Hauptursache dieser großen Übel tätig und nahm an Stärke zu durch die Schuld der Einzelnen wie der Nationen. Hätte man die Zeichen der Zeit zu deuten gewusst, so wäre gerade das furchtbarste Unglück zum wirksamsten Heilmittel geworden. Wer kennt nicht das Wort der Schrift: Die den Herr verlassen, sind des Todes (Is. 1, 28), und das furchtbar ernste Mahnwort Jesu, des Erlösers und Lehrers der Menschheit: Ohne mich könnt ihr nichts tun (Joh. 15, 5) sowie: Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut (Lk. 11, 23).
Die Gottlosigkeit untergrub
a) Die Autorität des Staates
20. Diese Gottesworte haben sich zu allen Zeiten bewahrheitet, aber heute liegt ihre Erfüllung besonders klar vor Augen. Weil die Menschen törichter Weise von Gott und Jesus Christus abgefallen sind, deshalb sind sie von der Höhe ihres Wohlstandes in den Abgrund des Unglücks gestürzt; deshalb sind alle Versuche, die Übel zu heilen und die Trümmer der zahllosen Ruinen zu retten, mit völliger Unfruchtbarkeit geschlagen.
Hat man Gott und Jesus Christus aus der Gesetzgebung und der Politik hinausgewiesen und leitet man die Autorität nicht mehr von Gott her, sondern von den Menschen, dann fehlt den Gesetzen ihre wahre und wirksame Sanktion, dann fehlen ihnen die höchsten Kriterien des Rechten — und das haben schon heidnische Philosophen wie Cicero begriffen, dass Menschengesetze nur im ewigen Gesetz Gottes verankert sein können — mehr noch, selbst die Grundlage der Autorität ist zerstört in dem Augenblick, da man die Quelle verschüttet, aus der den einen das Recht zufließt zu befehlen, den anderen die Pflicht zu gehorchen.
So musste mit unerbittlicher Notwendigkeit das ganze Gesellschaftsleben erschüttert werden: es war eben jeder festen Stütze und jedes Schutzes beraubt und wurde ein Tummelplatz für die Parteien; diesen aber ist es nur zu tun um den Besitz der Macht, nicht um das Wohl des Vaterlandes.
b) Die Heiligkeit der Ehe
21. Ebenso schloss man Gott und Jesus Christus von der Gründung der Familie aus, degradierte die Ehe zu einem rein bürgerlichen Vertrag, während Christus die Ehe zu einem großen Sakrament (Eph. 5, 32) gemacht hatte und das Eheband zum heiligen und heiligenden Sinnbild des Bandes, das ihn an seine Kirche bindet. Die Folgen davon sind allenthalben zu sehen: es erlischt und schwindet beim Volk der religiöse Sinn, den die Kirche in die Keimzelle der Gesellschaft, in die Familie, gesenkt hatte; häusliche Ordnung und häuslicher Friede werden zerrüttet; Einheit und Festigkeit der Familie werden mehr und mehr erschüttert; das Heiligtum der Ehe wird entweiht durch unreine Leidenschaft und mörderische Selbstsucht und so die Lebensquelle von Familie und Volk vergiftet.
c) Die christliche Erziehung der Jugend
22. Endlich verbannte man Gott und Christus aus der Erziehung der Jugend; die Folge davon war, dass die Schule nicht nur religionslos, sondern nach und nach offen oder geheim religionsfeindlich wurde; Die Kinder mussten die Überzeugung gewinnen, Gott und Religion seien zum guten Leben unnütz; hörten sie ja doch von diesen überhaupt nicht oder nur mit Verachtung reden. Hat man aber Gott und göttliches Gesetz aus dem Unterricht verbannt, wie wird man dann die Jugend vor dem Bösen bewahren und ehrenhaft und zu einem frommem, reinen Leben anhalten können? Wie will man für Familie und Staat gesittete, ordnungs- und friedliebende Männer heranbilden, die das Gemeinwohl zu fördern feähig und gewillt sind?
5. Die Folgen waren Völker- und Bürgerkriege
23. Waren aber einmal die Grundsätze der christlichen Weisheit verschüttet, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die furchtbare Drachensaat der Zwietracht aufging und jener wütende Krieg ausbrach, der mit seinen blutigen Gewalttätigkeiten den Hass unter den Völkern und sogar unter den Bürgern verschärfte, anstatt ihn durch Ermüdung zu ersticken.
IV. Die Heilmittel gegen die Zeitübel
24. Bis jetzt haben Wir von den Übeln gesprochen, an denen die menschliche Gesellschaft krankt; nun gilt es, die naturgemäßen und wirksamen Heilmittel zu finden.
1. Gegen den Hass
a) Der Friede muss in die Herzen der Menschen einziehen
25. Zuerst und vor allem muss in den Herzen der Menschen wieder Friede werden. Was hilft uns ein Friede, der nur äußerlich ist, nicht mehr als eine Umgangsform für den gegenseitigen Verkehr? Wir benötigen mehr, einen Frieden, der sich in die Herzen senkt, diese besänftigt und zu brüderlichem Wohlwollen geneigt macht. Ein solcher Friede aber ist nur der Friede Christi: Und der Friede Christi herrsche in euren Herzen (Kol. 11, 15); nicht anders kann der Friede sein, den er gibt (Joh. 14, 27), da er ja als Gott in die Herzen schaut (1. Kön. 16, 7) und in den Herzen herrscht.
Anderseits kann Christus, mit Fug und Recht diesen Frieden des Herzens seinen Frieden nennen. Wer hat denn vor ihm zu den Menschen gesagt: Ihr alle seid Brüder (Matth. 23, 8)? Er hat den Menschen das mit seinem Blut besiegelte Gesetz der allgemeinen Liebe und gegenseitigen Toleranz verkündigt: Dies ist mein Gebot: liebet einander, wie ich euch geliebt habe (Joh. 15, 12); Einer trage des anderen Last; so erfüllt ihr das Gesetz Christi (Gal. 6, 2).
b) Er muss ein Friede der Gerechtigkeit und der Liebe sein
26. Daraus ergibt sich klar, dass der wahre Friede, der Friede Christi, von der Norm der Gerechtigkeit nicht abweichen kann; heißt es doch Das Werk der Gerechtigkeit der Friede ist (Is. 32, 17) und Gott richtet nach Gerechtigkeit (Ps. 9, 5). Ebenso wenig darf er ausschließlich in einer eisernen, unbeugsamen Gerechtigkeit bestehen, sondern muss den milden Einschlag der Liebe tragen, die ihrer Natur nach auf eine aufrichtige Versöhnung abzielt. Solcher Art ist also der Friede, den Christus den Menschen erworben hat; diesen Frieden meint der Apostel, wenn er von Christus kurz und kräftig sagt: Er selbst ist unser Friede.
Christus hat eben in seinem Kreuzestod der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung geleistet, die Feindschaft vernichtet und als Friedensstifter (Eph. 11, 14 ff.) das All und mit Gott versöhnt. Und mit Recht erblickt daher der Apostel in dem Erlösungswerk Christi nicht nur eine Werk der Gerechtigkeit, sondern vor allem ein göttliches Werk der versöhnenden Liebe: Denn Gott ist es, der durch Christus die Welt mit sich versöhnt (2. Kor. 5, 19). So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab (Joh. 1, 16).
Die glücklichste Formel für diese Lehre hat wie immer der Engel der Schule gefunden. Er sagt, der wahre, echte Friede sei eher Sache der Liebe als der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit müsse die Hindernisse des Friedens, Unbilden, Schädigungen, beseitigen, hingegen sei der Friede so recht eigentlich ein Ausfluss der Liebe (Thom. 2a, 2ae, q. 29, III ad 3um).
c) Er muss seine Nahrung aus dem Ewigen ziehen
27. Auf diesen Frieden Christi, der als Ausfluss der Liebe im Herzen wurzelt, das Apostelwort vom Reiche Gottes in den Menschenherzen, in denen ja Gott durch seine Liebe herrscht: Das Reich Gottes besteht nicht im Essen und Trinken (Röm. 14, 17), mit anderen Worten, der Friede Gottes zieht seine Nahrung nicht aus dem Stoff, sondern aus dem Geist, aus jenen ewigen unvergänglichen Gütern, deren überragenden Wert Christus gelehrt und unaufhörlich den Menschen eingeschärft hat: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet? Oder was kann der Mensch für seine Seele als Lösegeld geben? (Matth. 16, 26).
Und weiter, wo er die Standhaftigkeit des Christen als Pflicht betont: Fürchtet euch nicht vor denen, die nur den Leib töten können, nicht aber die Seele. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib dem Verderben und der Hölle ausliefern kann (Matth. 10, 28; Luk. 12, 14).
d) Das schließt den rechten Gebrauch der irdischen Güter nicht aus
28. Man missdeute Unsere Worte nicht, als ob der, dessen Verlangen auf Christi Frieden gerichtet ist, auf die Güter dieses Lebens verzichten müsse; hat ja Christus selbst diese ihm im Überfluss verheißen verheißen: Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazu gegeben werden (Mt. 6, 33; Lk. 12, 31). Nur das ist wahr: Der Friede Gottes übersteigt alle Vorstellungen (Phil. 6, 7); eben deswegen beherrscht er die blinden Begierden und kennt nicht die tausenderlei Kämpfe und Zwistigkeiten, die die Sucht nach Reichtum notwendigerweise erzeugt.
e) Der christliche Friede schützt die Reinheit der Sitten und den Adel des Menschen
29. So zügle man denn durch die Tugendkraft die ungeordnete Gier nach zeitlichen Gütern, man sichere den geistigen Werten den gebührenden Ehrenplatz, und man erzielt ganz wie von selbst einen großen Gewinn: der christliche Friede wird der starke Hort für die Lauterkeit der Sitten ebenso wie ein sicherer Schutz für den Adel des Menschen, der erlöst ist durch Christi Blut, geweiht als Kind des Vaters, geheiligt als Bruder Christi, teilhaftig geworden durch die Gnade der göttlichen Natur, bestimmt für den ewigen Besitz der göttlichen Glorie zum Lohn für sein echtes Christenleben.
2. Gegen die staatliche Zerrüttung
a) Recht und Autorität müssen wieder auf Gott zurückgeführt werden
30. Wie gesagt, ist die Hauptursache des gegenwärtigen Chaos darin zu suchen, dass die Kraft des Rechts und die Achtung vor der Autorität geschwunden ist; sie musste freilich schwinden, wenn man Recht und Autorität nicht mehr auf Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt als deren Quelle zurückführt. Auch diese Unordnung beseitigt der christliche Friede; denn als Gottesfriede gebietet er Achtung vor Ordnung, Gesetz und Autorität. So lehrt es ausdrücklich die Schrift: Bewahret in Frieden die Zucht (Ekkl. 41, 17); Tiefen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben, o Herr (Ps. 118, 165). Wer das Gebot fürchtet, lebt in Frieden (Spr. 13, 13).
Und unser Herr Jesus? Er gebietet: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist (Mt. 22, 2); er erklärt, dass er sogar in Pilatus die ihm von oben gegebene Macht achte (vgl. Joh. 19, 11), wie er auch seinen Jüngern Achtung einschärfte vor den Pharisäern und Schriftgelehrten, die auf dem Stuhl des Moses sitzen (Mt. 23, 2). Und wie ergreifend achtete er im häuslichen Leben die väterliche Autorität, da er sich Joseph und Maria willig unterwarf! So konnten denn in seinem Namen die Apostel feierlich das Gesetz verkünden: Jedermann sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott stammt (Röm. 13, 1).
b) Die Kirche muss ihre heilende Kraft entfalten können
31. Ferner beachte man noch folgende Tatsache: Seine Lehrvorschriften über die Würde der menschlichen Person, über Sittenreinheit, Gehorsamspflicht, göttlichen Ursprung der Gesellschaft, Sakrament der Ehe und die Heiligkeit der christlichen Familie, diese und noch andere Glaubenswahrheiten, die Christus vom Himmel auf die Erde brachte, hat er nur seiner Kirche anvertraut; er hat ihr dazu feierlich seinen ewigen Beistand versprochen und gegeben, als unfehlbare Lehrerin sie allen Völkern bis ans Ende der Zeiten zu verkünden. Wird daraus nicht sofort klar, welch großen Anteil die Kirche an der Völkerversöhnung haben kann und haben muss?
1. Als Hüterin und Verkünderin der Glaubens- und Sittenlehren
32. Als einzige von Gott eingesetzte Hüterin und Lehrerin der genannten Glaubens- und Sittenlehren besitzt die Kirche ewige, unerschöpfliche Kräfte und Gewalten: sie kann und soll aus dem öffentlichen Leben, aus der Familie und der Gesellschaft den Materialismus bannen, der schon so viele Ruinen geschaffen hat; sie kann und soll dort, ganz anders als die Philosophie, die christlichen Grundlehren über die Geistigkeit und Unsterblichkeit der Seele zur Geltung bringen; sie soll alle bürgerlichen Klassen einander näher bringen und das ganze Volk in der Gesinnung eines aufrichtigen Wohlwollens und eines gewissen Brudersinns zusammenschließen (Augustinus, De mor. Eccl. Cath, 1, 30).
Sie soll den Menschen in seiner Würde schützen und verteidigen und bis Höhe Gottes erheben; sie soll endlich das private und öffentliche Leben bessern und veredeln, auf dass alles Gott untertänig sei, der auf das Herz schaut (1. Kön. 16, 7), auf dass alles nach seinen Gesetzen und Lehren sich richte. Wenn so das heilige Pflichtbewusstsein das Lebensgesetz aller ist, der Untertanen und der Gebieter und sogar der öffentlichen Einrichtungen, dann ist Christus alles in allen (Kol. 3, 11).
2. Als einzige allgemein verpflichtende Autorität
33. Die Kirche allein hat als Trägerin und Vermittlerin der Wahrheit und Gnade Christi die Befähigung, die Gewissen richtig zu bilden; daher hat auch nur sie es in der Hand, für die Gegenwart den wahren Frieden Christi zu bewirken und für die Zukunft ihn zu befestigen und die Gefahr neuer Kriege zu beseitigen. Denn sie allein stellt kraft göttlichen Auftrags und göttlichen Sendung, die allgemeine Verpflichtung auf, dass dass das ganze menschliche Tun, das private wie das öffentliche, das persönliche wie das gesellschaftliche, mit dem göttlichen Gesetz in Einklang stehe. Übrigens ist, was das Wohl des Ganzen berührt, an sich von größerer Bedeutung.
Wenn also Regierungen und Völker es sich zur heiligen Pflicht machen, in ihrem politischen Leben nach innen und außen der Lehre Christi als Wegweiser zu folgen, dann und nur dann werden sie im Innern einen segensvollen Frieden genießen, die internationalen Beziehungen auf dem Boden gegenseitigen Vertrauens regeln und in friedlichem Meinungsaustausch etwaige Streitfälle schlichten können.
3. Als Schützerin des Völkerrechts
34. Gewiss, mancher Versuch ist bis zur Stunde nach dieser Richtung hin gemacht worden, aber leider mit wenig oder gar keinem Erfolg, namentlich in den heikelsten internationalen Fragen.
Es gibt eben keine menschliche Instanz, die alle Völker auf ein internationales, zeitgemäßes Gesetzbuch verpflichten könnte, wie es im Mittelalter bei der christlichen Völkerfamilie, dem wahren Völkerbund, der Fall war. Mochte auch da des Öfteren eine Rechtsverletzung vorkommen, trotzdem blieb die Heiligkeit des Rechts unberührt und gab den Maßstab, nach dem auch die Nationen gerichtet wurden.
Es existiert aber jetzt noch ein göttliches Institut, das die Heiligkeit des Völkerrechtes schützen kann, ein Institut, das allen Nationen angehört und doch alle Nationen überragt, das ausgestattet ist mit der höchsten Autorität und ehrwürdig ist durch die Fülle seiner Lehrgewalt: die Kirche Christi. Sie allein zeigt sich auf dieser Höhe dieser bedeutsamen Aufgabe, dank ihrer göttlichen Sendung, dank ihrer Natur und Verfassung, dank ihrer jahrhundertlangen glänzenden Geschichte; selbst die Stürme des Krieges haben ihren Glanz nicht verdunkelt, sondern wunderbar erhöht.
4. Als Hüterin der Rechte Gottes über die einzelnen und die Gesellschaft
35. Wofern also nicht Christi Lehre, Gesetz und Beispiel von allen treu beobachtet werden, im privaten wie im öffentlichen Leben, kann vom wahren Frieden, dem heiß ersehnten Frieden Christi, keine Rede sein. Dieser Friede ist an eine doppelte Bedingung geknüpft: einmal muss die menschliche Gesellschaft nach Gottes Gesetz geordnet sein, sodann muss die Kirche ihre göttliche Sendung erfüllen und alle Rechte ausüben können, die Gott über die Einzelnen und über die Gesellschaft besitzt.
c) Christus muss wieder herrschen:
1. Im Einzelmenschen
36. Darin besteht, kurz gesagt, das Reich Christi. Christus herrscht da zunächst über die Einzelnen: er herrscht im Verstand durch seine Lehren, im Herzen durch seine Liebe, im ganzen Leben, wenn dieses im Einklang steht mit seinem Gesetz und Beispiel.
2. In der Familie
37. Christus herrscht in der Familie, wenn sie auf das Sakrament der Ehe begründet ist und ihren heiligen Charakter unversehrt bewahrt; wenn sie ein himmlisches Heiligtum ist, wo die väterliche Autorität ein Abbild von Gottes Vaterschaft ist, der sie Ursprung und Namen (vgl. Eph. 3, 15) verdankt, wo die Kinder den Gehorsam des Jesusknaben nachahmen, wo das ganze Leben die Heiligkeit der Familie in Nazareth atmet.
3. Im Staat
38. Christus herrscht im Staat, wenn in ihm Gottes Oberhoheit in höchsten Ehren steht, wenn er von Gott Ursprung und Inhalt seiner Autorität ableitet, so dass nach oben Recht und Schranke des Befehlens, nach unten Pflicht und Adel des Gehorchens gesichert sind; wenn er das Gott verliehene Recht der Kirche anerkennt, wonach sie eine vollkommene Gesellschaft ist, bestimmt, Lehrermeisterin und Führerin der anderen Gesellschaften zu sein.
Nicht so allerdings, dass sie deren Autorität schädigt — sind doch auch jene in ihre Art rechtmäßig —, sondern sie vervollkommnet, wie die Gnade die Natur vervollkommnet; erst diese Hilfe der Kirche macht es möglich, dass jene Gesellschaften ihre Mitglieder einerseits kräftig unterstützen zur Erreichung ihres letzten Zieles, der ewigen Seligkeit, andererseits deren irdisches Glück fördern und sichern.
3. Nur im Reich Christi ist Christi Friede möglich
39. Somit ist nur im Reiche Christi der Friede Christi möglich. Christi Reich erneuern, wieder aufrichten, heißt also Christi Frieden herbeiführen.
Wenn daher Pius X. sich zum Programm setzte, »alles in Christo zu erneuern«, so bahnte er damit wie unter göttlicher Eingebung jenem Werk der Befriedung den Weg, das Benedikt XV. Als Aufgabe vorschwebte. Wir wollen dieses doppelte Programm Unserer beiden Vorgänger zu einer Einheit verbinden und mit allen Kräften dies anstreben: Christi Frieden im Reiche Christi. Dabei setzen Wir Unser ganzes Vertrauen auf die Gnade Gottes, der Uns eben bei der Übertragung der päpstlichen Vollgewalt seinen dauernden Beistand versprochen hat.
V. Die Durchführung des Friedenswerkes
Dabei müssen alle mitwirken:
1. Die Kardinäle und Bischöfe
a) Als „Vorbilder der Herde“
40. Für die Ausführung dieses Programmes erwarten Wir die Mithilfe aller Guten; besonders aber ergeht Unser Appell an Euch, Ehrwürdige Brüder; Euch hat ja Christus, Unser Führer und Haupt, der Uns die Sorge für seine Herde übertrug, in besonderer Weise zur Teilnahme an Unserem Amt berufen.
Euch hat der Heilige Geist bestellt, die Kirche Gottes zu regieren (Apg. 20, 26); Ihr seid besonders betraut mit dem Amt der Versöhnung, seid Christi Gesandte (2. Kor. 5, 18-20); Ihr habt Anteil am Lehramt Gottes und seid Verwalter seiner Geheimnisse (1. Kor. 4, 1); aus diesem Grund seid Ihr genannt Salz der Erde und Licht der Welt (Mt. 5, 14), Lehrer und Väter des christlichen Volkes, Vorbilder für die Herde (1. Petr. 5, 3); Ihr werdet groß im Himmelreich genannt werden (Mt. 5, 19).
Ihr seid gleichsam die goldenen Ringe, durch die der ganze Leib Christi zusammengefügt und zusammengehalten wird (Eph. 4, 15-16); dieser Leib Christi ist nichts anderes als die Kirche, die auf dem unerschütterlichen Felsen aufgebaut ist.
b) Bei der geplanten Wiederaufnahme des Vatikanischen Konzils
41. Ihr habt Uns neulich schon einen neuen Beweis Eures unermüdlichen Eifers gegeben, als Ihr Euch anlässlich des Eucharistischen Kongresses in Rom und der Zetenarfeier der Hl. Kongregation der Propaganda so zahlreich aus allen Teilen der Welt am Grabe der Apostel einfandet. Diese Bischofsversammlung, die an Glanz wie an Ansehen überaus stattlich war, legte Uns den Gedanken nahe, zu gelegener Zeit eine ähnliche Versammlung nach dieser Stadt, dem Mittelpunkt der katholischen Welt, einzuberufen, mit dem Zweck, nach der gewaltigen Katastrophe der menschlichen Gesellschaft das richtigen Heilmittel zur Gesundung zu finden. Die bevorstehende Wiederkehr des heiligen Jahres dünkt Uns ein glückliches Zeichen, das Uns in der Hoffnung auf die Verwirklichung jenes Planes bestärkt.
Wir wagen es jedoch nicht, sofort die Wiederaufnahme des ökumenischen Konzils anzuordnen, das, wie Uns noch aus Unserer Kindheit erinnerlich ist, durch den hochselige Papst Pius IX. Eröffnet wurde, aber nur einen — wenn auch bedeutenden — Teil seines Programms erledigt hat. Wir möchten lieber noch zuwarten und, wie der berühmte Führer der Israeliten, beten, dass der gütige und barmherzige Gott Uns seinen Willen klarer zu erkennen gebe (Richt. 6, 17).
Unterdessen wendet sich Unser Wort an Euch. Wohl kennen Wir nur zu gut Eure hingebende Arbeit, die über alles Lob erhaben ist und keines Ansporns Unsererseits bedarf. Trotzdem legt das ernste Bewusstsein Unseres Apostolischen Amtes und Unserer weltumspannenden Vatersorge Uns die Verpflichtung, ja die Nötigung auf, das Feuer, das Euch verzehrt, zu heller Glut zu entfachen; sind Wir ja überzeugt, dass ein mahnendes Wort aus Unserem Mund Euch zu noch größerer Hingabe an den Teil der Herde Christi antreiben wird, mit dessen Sorge jeder einzelne von Euch betraut ist.
c) Durch zeitgemäßen Ausbau des begonnenen Werkes der religiösen Erweckung, Pflege und Förderung von religiösen Vereinen, und besonders der Katholischen Aktion
42. Welch herrliche und zeitgemäße Werke für Klerus und Laien haben Unsere Vorgängern mit Eurer Hilfe weise erdacht, glücklich in Angriff genommen und erfolgreich beendet, Werke, deren Gelingen unter den gegebenen Umständen ein besonderes Verdienst für sie bedeutet! Die Kunde davon hat Uns durch die Presse erreicht und wurde bestätigt durch Mitteilungen von anderer Seite, sowie durch die privaten Berichte, die Ihr und andere Personen Uns zugehen ließet.
Dafür danken Wir von ganzem Herzen dem lieben Gott. Unter diesen Werken möchten Wir namentlich jene zahlreichen Schöpfungen erwähnen, die sich auf die Verbreitung der Wahrheit und Hebung der Sittlichkeit beziehen; ebenso die frommen Vereinigungen von Klerus und Laien zur Unterstützung der Heidenmissionen; sie bezwecken ja, das Reich Gottes auszubreiten und den wilden Völkern zeitliches und ewiges Glück zu bringen; nicht minder die zahlreichen Jugendvereine, die mit einer tiefen und zarten Andacht zur allerseligsten Jungfrau und zum hochheiligsten Altarssakrament eine besondere Pflege des Glaubenslebens, der Reinheit und der gegenseitigen Bruderliebe verbinden.
Endlich die Männer- und Frauenvereine, vornehmlich die eucharistischen, die sich eine besondere Verehrung des heiligsten Sakramentes zum Ziel gesetzt haben; dieses Ziel suchen sie zu erreichen durch häufigere und feierlichere Kundgebungen, wie öffentlich Prozessionen, oder durch Veranstaltung von größeren Kongressen, örtlichen, nationalen oder sogar internationalen, wo fast alle Völker vertreten sind, alle aber wunderbar eins sind im Glauben, in der Anbetung, im Gebet und in den Gnadenmittel.
Dieser religiösen Erweckung danken Wir auch das auffallende Erstarken des apostolischen Geistes. Wir meinen damit jenen glühenden Eifer, der vor allem durch anhaltendes Gebet und vorbildliches Leben, dann durch das gesprochene und geschriebene Wort und durch andere Werke der Nächstenliebe sich dafür einsetzt, dass der Einzelne, aber auch die Familie und der Staat dem göttlichen Herzen Jesu die Liebe und Verehrung erweisen, die sie ihm als ihrem König schulden. Das gleiche Ziel verfolgt der gute Kampf für Familie und Altar, dieser Kampf, der an vielen Fronten zu führen ist für die Rechte der Kirche und der Familie in Bezug auf die Erziehung der Kinder.
Hierher gehört weiterhin der ganze Komplex von Einrichtungen, Bestrebungen und Unternehmungen, die gemeinhin Katholische Aktion genannt wird, ein Werk, das der Gegenstand Unseres besonderen liebenden Interesses ist.
Diese Werke und andere ähnliche in großer Zahl — man erlasse es Uns, sie namentlich aufzuführen — müssen nicht nur erhalten, sondern mit wachsendem Eifer gefördert und den Zeitverhältnissen entsprechend ausgebaut werden. Mag diese Aufgabe dem Klerus und dem Volk auch mühsam und schwer erscheinen, sie ist gleichwohl notwendig und gehört zu den ersten Pflichten eures Hirtenamtes und des Christenlebens. Daraus ergibt mit überwältigender Klarheit, wie fest alle diese Werke miteinander verschlungen sind und wie unlösbar verbunden mit der ersehnten Wiederaufrichtung des Reiches Christi und der Wiederherstellung jenes Friedens, der nur diesem Reich eigen ist: Christi Friede im Reiche Christi.
2. Die Weltpriester durch Eifer im Beruf, sittenreines Leben und Gehorsam
43. Euren Priestern aus dem Weltklerus bringt folgende Botschaft von Uns: Als Zeuge und als Mitarbeiter von gestern bei den mannigfachen Bemühungen um die Herde Christi schätzt der Papst wie bisher ihren hochherzigen Eifer in der Erfüllung ihrer Aufgabe, ihre Findigkeit im Entdecken neuer Wege zur Behebung neuer Schwierigkeiten. Sie werden unserem Herzen um so näher stehen, und Wir werden ihnen um so mehr in väterlichem Wohlwollen zugetan sein, je enger sie durch ein sittenreines Leben und willigen Gehorsam durch ihreFührer und Lehrer, die Bischöfe, mit Christus verbunden sind.
3. Die Ordensleute durch ihr heroisches Beispiel
44. Wie sehr Wir aber bei der Durchführung Unseres Programmes auf den Ordensklerus rechnen, brauchen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, nicht ausdrücklich zu sagen; Ihr wisst ja nur zu gut, was dieser für die Ausbreitung des Reiches Christi daheim und draußen bedeutet. Die Ordensleute beobachten von Berufs wegen nicht nur die Gebote, sondern auch die evangelischen Räte, und stellen, ob als kontemplative Orden im Schatten des Klosters, ob als tätige Orden in der breiten Öffentlichkeit, das Ideal der christlichen Vollkommenheit anschaulich dar; sie widmen sich rückhaltlos dem Gemeinwohl und verzichten freudig auf jeden irdischen Besitz , um in desto reicherem Maße der geistlichen Güter teilhaftig zu werden.
So ziehen sie die Gläubigen, die Zeugen ihres heroischen Beispiels sind, durch ihr bloßes Leben schon beständig zu höherem Streben empor. Ihr Mahnwort findet auch leicht Gehör, da es Hand in Hand geht mit der Ausübung der verschiedenen Werke der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit. Nach Ausweis der Kirchengeschichte gingen sie, von der göttlichen Liebe gedrängt, in ihrem Heldensinn nicht selten so weit, dass sie ihr Leben für das Heil der Seelen hingaben, durch ihren Tod das Reich Christi weiter ausbreiteten und dem wahren Glauben und der christliche Bruderliebe die Wege ebneten.
4. Die Laien durch Verbreitung der Kenntnis und Liebe Christi in Unterordnung unter ihre Bischöfe und Priester
5. Euren Gläubigen aus dem Laienstand bringt sodann in Erinnerung, sie möchten als Laienapostel in der Stille oder in der Öffentlichkeit, natürlich in Unterordnung unter Euch und Eure Priester, die Kenntnis und die Liebe Christi verbreiten helfen und sich so den Ehrentitel verdienen: Auserwähltes Geschlecht, königliches Priestertum, heiliger Stamm, zu eigen erworbenes Volk (1. Petr. 2, 9). Engste Verbindung mit Uns und mit Christus, das ist die Bedingung, unter der allein ihre emsige Arbeit für die Ausbreitung und Erneuerung des Reiches Christi ein wirksames Mittel zur Wiederherstellung des allgemeinen Friedens werden kann.
Das Reich Christi nämlich bewirkt und fördert eine gewisse Gleichheit der Menschen ihn Recht und Würde, da ja alle durch das kostbare Blut Christi geadelt sind. Die aber, welche äußerlich die Vorgesetzten der anderen sind, müssen das Beispiel des Herrn selbst nachahmen und rechtlich und tatsächlich die Verwalter der gemeinsamen Güter sein, folglich Diener aller Diener Gottes, in erster Linie der geringsten und ärmsten.
VI. Die Gefahren bei der Durchführung des Friedenswertes
1. Der Krieg und die soziale Umwälzung haben auch die Besten gefährdet
46. Doch ist hier zu bemerken, dass dieselben sozialen Umwälzungen, welche die Notwendigkeit der genannten Zusammenarbeit von Klerus und Laien begründeten und erhöhten, für Kurzsichtige auch neue Gefahren heraufbeschworen haben, und zwar viele und schwere. Kaum hatte sich der Kriegssturm gelegt, da wurden die Staaten durch die politischen Parteien aufgewühlt. Zügellose Leidenschaften und falsche Ideen haben derart Kopf und Herz berückt, dass nun zu befürchten steht, es möchten gerade die Besten aus Volk und Klerus von den verderblichen Irrtümern angesteckt werden.
2. Viele bekennen die katholische Lehre, aber wirklichen sie nicht
47. Denn wie groß ist die Zahl derer, die sich dem Namen nach zu den katholischen Lehren bekennen, die Bezug haben auf staatliche Autorität und Gehorsamspflicht, der Staatsbürger, Eigentumsrecht, Rechte und Pflichten der Land- und Industriearbeiter oder auf die internationalen Beziehungen und das Verhältnis von Kirche und Staat, auf die Rechte des Heiligen Stuhls und des Papstes, auf die Privilegien der Bischöfe, endlich auf die Rechte des Schöpfers, Erlösers und Herrn, über Einzelne und alle Völker?
Und doch, wenn man ihre Reden, ihre Schriften, ihre ganze Lebensart beachtet, könnte man glauben, dass für sie die wiederholten Lehren und Vorschriften der Päpste, namentlich Leos XIII., Pius X. und Benedikts XV., ihre ursprüngliche Geltung verloren hätten oder gänzlich in Vergessenheit geraten wären.
3. Die Missachtung der päpstlichen Lehren und Weisungen ist Modernismus
48. Es ist das eine neue Art des Modernismus, ein Modernismus in der Sitten-, Rechts- und Wirtschaftslehre; Wir tragen kein Bedenken, ihn ebenso entschieden zu verurteilen wie den dogmatischen Modernismus.
4. Die Glaubenskraft, besonders in der Jugend, muss geweckt und gesteigert werden
49. Es müssen daher jene genannten Lehren und Vorschriften wieder eingeschärft werden. Zu dem Ende muss in den Seelen der Glaubenseifer und die göttliche Liebesglut entfacht werden, ohne die das volle Verständnis für jene Lehren und die Beobachtung jener Gebote undenkbar sind. Nach Unserem ausdrücklichen Willen soll diese Erneuerung sich durch die christliche Erziehung der Jugend anbahnen, vor allem und zuerst jener Jugend, die für den Dienst des Heiligtums bestimmt ist; Möge es doch nicht geschehen, dass sie sich in diesem chaotischen Durcheinander und bei der herrschenden Geistesverwirrung von jedem Windhauch der Gelehrsamkeit durch das Trugspiel der Menschen, durch die Verführungskünste der Irrlehre hin und her wiegen und tragen lassen. (Eph. 4, 14).
VII. Hoffnungen und Wünsche im Hinblick auf den Frieden
1. Beten wir um die Einigung aller im Glauben und in der einen Kirche
50. Von der Hochwarte des Apostolischen Stuhles aus wendet sich sodann Unser Blick den vielen zu, die Christus überhaupt nicht kennen oder nicht seine ganze unverkürzte Lehre annehmen oder die von ihm gewollte kirchliche Einheit verwerfen, die noch nicht zu dieser Herde gehören (Joh. 10, 16), für die sie doch bestimmt sind. Angesichts dessen kann der Stellvertreter des ewigen Hirten nicht umhin, mit dem herzlichen Verlangen seines göttlichen Meisters sich auch dessen Wort zu eigen zu machen, das kurze aber erbarmungsvolle: Auch sie muss ich herbeiführen (Joh. 10, 16), und weiter freudig bewegten Herzens der Weissagung Christi zu gedenken: Und sie werden auf meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte sein (ebd.).
Gebe Gott, — so beten Wir mit Euch, Ehrwürdige Brüder, und mit allen Gläubigen — dass Wir doch bald die Erfüllung dieser tröstliche und untrüglichen Verheißung des göttlichen Herzens erleben dürften!
2. Die freundschaftlichen Beziehungen fast aller Staaten zu dem HI. Stuhl sind ein glückliches Vorzeichen. Dabei ist zu beachten:
51. Als glückliches Vorzeichen für diese religiösen Einheit darf man jene bemerkenswerte Tatsache betrachten, die der jüngsten Vergangenheit angehört. Sie kam allen so ganz unerwartet und verursachte bei einigen wohl großen Ärger, bei Uns und Euch aber sicherlich helle Freude: die meisten Fürsten und die Lenker fast aller Staaten haben sich, von dem gleichen unwiderstehlichen Friedensverlangen beseelt, nacheinander an den Heiligen Stuhl gewandt, um entweder alte Freundschaftsbande wieder anzuknüpfen oder zum ersten Mal in diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl zu treten.
Wir haben allen Grund, Uns darüber zu freuen; es erhöht nämlich das Ansehen der Kirche, bedeutet eine glänzende Anerkennung ihrer Wohltaten und lässt allen ihre einzigartige, wunderbare Kraft fühlbar werden, wodurch sie der Gesellschaft jegliches Glück, auch das zeitliche, zu verschaffen mag.
a) Die Kirche fördert mit dem ewigen auch das zeitliche Wohl der einzelnen und der Gesellschaft
52. Zwar hat sie, kraft göttlichen Auftrags, direkt nur die geistlichen, unvergänglichen Güter im Auge; aber, da alle Güter in engster Wechselbeziehung zueinander stehen, so fördert sie auch die zeitliche Wohlfahrt der Einzelnen und der Gesellschaft, und zwar so wirksam und erfolgreich dass sie es besser nicht nicht tun könnte, wenn sie einzig dafür eingesetzt worden wäre.
b) Sie mischt sich nicht in die Politik, verteidigt aber die Rechte Gottes
53. Gewiss hält sich die Kirche nicht für befugt zu einer unbegründeten Einmischung in diese irdischen und rein politischen Fragen; aber das schließt nicht aus, dass sie mit Fug und Recht einschreitet, wenn der Staat die Politik als Deckmantel zur Erreichung unerlaubter Ziele gebraucht, wenn er z. B. höhere Güter, von denen das Seelenheil der Menschen abhängt, gefährdet, wenn er durch ungerechte Gesetze und Verordnungen den geistlichen Gütern Eintrag tut, wenn er die göttliche Verfassung der Kirche untergräbt oder endlich die heiligen Rechte Gottes in der Gesellschaft mit Füßen tritt.
c) Sie schließt keinen Vertrag, der ihre Würde und Freiheit verletzt
54. Deshalb machen Wir uns die Gedanken und sogar die Ausdrucksweise Unseres seligen Vorgängers Benedikt XV., dessen Wir schon des Öfteren in diesem Schreiben gedachten, rückhaltlos zu eigen. Die feierliche Erklärung bei seiner letzten Allokution am 21. November vergangenen Jahres, die die Regelung der gegenseitigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat betrifft, wiederholen und bekräftigen auch Wir: »Nie und nimmer werden Wir dulden, dass in derartige Verträge eine Bestimmung aufgenommen wird, die der Würde und Freiheit der Kirche widerspricht; denn es ist auch für das Gedeihen der Gesellschaft von größter Bedeutung, besonders in unseren Tagen, dass die Kirche gegen jeden Eingriff dieser Art sicher sei.« (Benedikt XV., Konsistorialansprache In hac quidem, 21. November 1921, AAS XII (1921) 522.)
3. Italien hat sich bisher leider noch nicht mit dem HI. Stuhl verständigt. Dazu ist zu sagen:
a) Die Kirche muss rechtlich und tatsächlich unabhängig sein und erscheinen
55. Wir brauchen daher nicht erst zu sagen, wie es Uns schmerzt, dass unter den vielen Nationen, die mit dem Apostolischen Stuhl freundschaftliche Beziehungen unterhalten, gerade Italien fehlt; und doch hat Gott, dessen Vorsehung Lauf und Ordnung aller Dinge und Zeiten bestimmt, gerade Unser teures Vaterland Italien auserwählt, um in seiner Mitte den Thron seines irdischen Stellvertreters aufzuschlagen. Aus diesem Grund ist die altehrwürdige Stadt, die einst Hauptstadt eines zwar ungeheuren, aber doch begrenzten Reiches war, die Hauptstadt der ganzen Welt geworden. Als Sitz einer göttlichen Herrschaft, die ihrer Natur nach nicht auf Rasse oder Nation beschränkt ist, umfasst dieses Rom alle Völker und Nationen.
Nun aber verlangen göttliche Natur und Ursprung dieser Herrschergewalt einerseits und das unverletzliche Recht der über alle Länder zerstreuten Christenheit andererseits, dass diese Herrschaft auch nicht den Schein der Abhängigkeit von irgendeiner weltlichen Macht, von irgendeinem Gesetz an sich trage, selbst wenn jene Macht oder dieses Gesetz Schutz und Gewähr für die Freiheit des Römischen Bischofs versprächen; im Gegenteil muss der Heilige Stuhl unabhängig sein und seine rechtliche und tatsächliche Unabhängigkeit muss offenkundig dastehen.
b) Das bisherige Verhältnis zu Italien ist unerträglich
56. Es gab ja früher Garantien dieser Freiheit, wodurch die göttliche Vorsehung, die Lenkerin und Richterin der Geschichte, die Autorität des Römischen Bischofs befestigt hat, nicht zum Nachteil, sondern zum großen Nutzen für Italien. Jahrhundertelang haben sie ihren Zweck erfüllt und jene Freiheit gesichert; und bis zur Stunde hat weder die göttliche Vorsehung eine befriedigende Lösung angedeutet, noch menschliche Weisheit einen gleichwertigen Ersatz dafür gefunden. Jene Garantien sind von feindlicher Gewalt niedergerissen worden und sind bis heute noch missachtet. So ist der Römische Papst in eine ganz unwürdige Lage versetzt, die den Gläubigen der ganzen Welt beständig tiefe Trauer bereitet.
c) Darum erneuert der Papst, frei von jedem Streben nach weltlicher Herrschaft, die Proteste seiner Vorgänger
57. Wir sind nun Erben der Gesinnung wie der Pflichten Unserer Vorgänger, sind Träger derselben Autorität, die allein die Entscheidung in so wichtiger Frage hat; ebenso wissen Wir Uns frei von jeder eitlen Sucht nach weltlicher Herrschaft, würden auch vor Scham erröten, wenn solches Begehren Uns nur einen Augenblick, angesichts Unseres Todes und der sehr strengen Rechenschaft vor dem göttlichen Richter, berücken würde. So erneuern Wir denn, im Bewusstsein, durch eine heilige Amtspflicht gebunden zu sein, an dieser Stelle jene Proteste, die Unsere Vorgänger zur Verteidigung der Würde und der Rechte des Apostolischen Stuhles erhoben haben.
d) Des Papstes Gedanken sind nur auf den Frieden gerichtet
58. Übrigens wird Italien nie vom Apostolischen Stuhl Schaden zu befürchten haben: der Römische Papst, wer er auch sei, wird stets aus innerstem Herzen mit dem Propheten sprechen können: Meine Gedanken sind Gedanken des Friedens, nicht des Unheils (Jer. 29, 11). Gedanken des Friedens sagen Wir, — wahren Friedens, der also nicht losgelöst ist von der Gerechtigkeit, so dass man beifügen kann: Gerechtigkeit und Friede haben sich umarmt (Ps. 84, 11). Bei Gott, dem Allmächtigen und Barmherzigen, steht es, endlich diesen schönen Tag aufleuchten und aus ihm reichsten Segen für die Wiederherstellung des Reiches Christi wie für die Befriedung Italiens und der Welt fließen zu lassen. Zu diesem glücklichen Erfolg müssen alle Gutgesinnten eifrig mitarbeiten.
VIII. Schluss
Alle Gläubigen mögen um die Wiederherstellung des Friedens beten
59. Damit diese süße Gabe des Friedens recht bald den Menschen zuteil werde, ermahnen Wir inständig alle Gläubigen, dass sie mit Uns in frommem Gebet ausharren, besonders während dieser Festtage der Geburt des Herrn, des Friedenskönigs, bei dessen Eintritt in die Welt die himmlischen Heerscharen zum ersten Mal das neue Lied anstimmten: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind“(Lk. 2, 14).
Ein Unterpfand dieses Friedens empfanget, Ehrwürdige Brüder, Unseren Apostolischen Segen; möge er als Bote des Glücks für jeden einzelnen aus Klerus und Volk, für die Staaten und die christlichen Familien, den Lebenden Wohlfahrt, den Verstorbenen die ewige Ruhe und Glückseligkeit bringen! Diesen Segen erteilen wir zum Beweis Unseres Wohlwollens, Euch, dem Klerus und Eurem Volk aus ganzem Herzen.
Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 23. Dezember 1922, im ersten Jahre Unseres Pontifikates.
Papst Pius XI.
Text aus: Emil Marmy, Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, 1945, S. 709 – S. 738 u. Überschriften aus: Carl Ulitzka, Lumen De Caelo, 1934, S. 289 – S. 310
Eine kleine Übersicht über die Rundschreiben von Papst Pius XI. siehe unter:
Die Enzykliken der Päpste auf dieser Website finden sich hier:
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Bildquellen
- Pius_XI_by_Nicola_Perscheid_retouched: wikimedia | CC0 1.0 Universal
- Papst_Pius_XI._mit_Papstwappen: © https://weltgeschehen.info