Zum Hauptinhalt springenZum Fußbereich springen
Päpstliche Insignien mit Hut, Krummstab und andere Dinge

Es folgen Veröffentlichungen von päpstlichen Enzykliken, die für das Thema Weltgeschehen von besonderer Bedeutung sind.

Das Weltgeschehen aus katholischer Sicht

Papst Leo XIII.

Das Reich Gottes und das Reich Satans auf Erden

Nachdem die Menschheit durch den Neid des Teufels von Gott, dem Schöpfer und gültigen Spender der himmlischen Güter, elendiglich zum Abfall gebracht worden ist, hat sie sich seitdem in zwei verschiedene und einander feindliche Heerlager gespalten; während das eine von ihnen einen beständigen Kampf zu führen hat für Wahrheit und Tugend, streitet das andere für das Gegenteil. (Leo XIII. „Humanum Genus“ 1884)

Papst Leo XIII. mit dem katholischen Segensgruß
Religion

Bekehrung der Juden im 19. Jahrhundert

Bekehrung der Juden im 19. Jahrhundert: Gebrüder Lémann und Ratisbonne

Bekehrung der Juden zur katholischen Kirche

Bekehrung der Juden im 19. Jahrhundert – Zwei außergewöhnliche Beispiele der Bekehrung zur katholischen Kirche

Betrachtet man die Geschichte des ehemals auserwählten Volkes Gottes nach seiner Verwerfung, da sie ihren von den Propheten angekündigten Messias, Jesus Christus, nicht annehmen wollten, Ihn stattdessen ans Kreuz haben schlagen lassen, so kann man sich der Tränen nicht erwehren. Sie selber haben sich und ihre Nachkommen in ihrer Verblendung verflucht, indem die ganze Menge vor Pilatus rief: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder“ (Matth. 27, 21-25) Damit hatte sie auch das Schicksal der zukünftigen Generationen mit einbezogen. Joseph Franz Allioli kommentiert die Stelle so: „Schreckliche Selbstverurteilung! Wie sie in Erfüllung gegangen, sehen wir an dem unglücklichen Volk, das in die ganze Welt zerstreut, überall den Fluch Gottes mit sich herumträgt!“ (Vulgata, Bd. 5, 1838, S. 140)

Der Apostel und Evangelist Matthäus war selber Jude. Trotzdem schrieb er: „Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“

Wie zu erfahren ist, bedeutet dies nicht nur die Übernahme der Verantwortung für den Kreuzestod Christi, sondern die Aussage „das ganze Volk“ gilt als juristische Formel, die mit dem damaligen jüdischen Kultrecht verbunden war. Das bedeutet, dass die Menge sich dazu bekennt, die Verantwortung für den Tod Christi zu übernehmen und dafür auch die Folgen zu tragen. Und Gott hat diesen ihren Fluch angenommen.

Liturgische Betrachtung zum Evangelium vom 23. Sonntag nach Pfingsten

In der liturgischen Betrachtung des Benediktinerpaters Benedikt Baur von Montag der 23. Woche nach Pfingsten heißt es:

Die heilige Kirche denkt an alle Menschen. Sie liebt alle. Sie wünscht alle und jedem das Glück des ewigen Lebens, auch dem einst auserwählten, jetzt eine Zeitlang verworfenen Volke Israel. Es wird in der Endzeit zum Herrn zurückfinden. Gott ist der Gott des Friedens, der Verzeihung, der Gnade. (S. 567)

„In jener Zeit, da Jesus zum Volke redete, kam der Vorsteher einer Synagoge, warf sich vor Ihm nieder und sprach. Herr, meine Tochter ist soeben gestorben. Doch komm und lege ihr die Hand auf, dann wird sie leben. Jesus stand auf und folgte ihm mit Seinen Jüngern. Da trat eine Frau, die seit zwölf Jahren an Blutfluss litt, von rückwärts hinzu und berührte den Saum Seines Kleides. Denn sie dachte, wenn ich nur Sein Kleid berühre, so werde ich gesund. Von der Stunde an war die Frau gesund.

Als Jesus dann in das Haus des Vorstehers kam und die Flötenspieler und die lärmende Menge sah, sprach Er: Geht hinaus, das Mägdlein ist nicht tot, es schläft nur. Da verlachten sie Ihn. Als dann die Menge hinausgeschafft war, ging Er hinein, nahm das Mägdlein bei der Hand, und es stand auf.“ (Evangelium: Matth. 9, 18-26)

Der heiligen Liturgie ist die Tote das für Christus, für die Kirche und die Heilsgnaden der Erlösung gestorbene tote Volk Israel. „Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf“ (Joh. 1, 11). Sie verlangen von Pilatus, dass er ihnen nicht Jesus, sondern den Barabbas freigebe. „Was soll ich denn mit Jesus machen, der Christus, Messias, genannt wird?“ fragt Pilatus. Sie rufen „Kreuzige Ihn!“ „Was hat er Böses getan?“ Da schreien sie lauter: Kreuzige Ihn!“ Pilatus wäscht sich die Hände und spricht: „Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten. Seht ihr zu.“ Und die ganze Menge ruft: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder“ (Matth. 27, 21-25)

Aber der Herr denkt Gedanken des Friedens, der Verzeihung, des Heils. Er macht sich auf den Weg, dem unglücklichen Volk das Leben der Gnade wiederzugeben. Da drängt sich das Weib dazwischen. Das Weib ist der heiligen Liturgie das sich Christus gläubig anschließende Heidentum. Das Weib wird geheilt, noch bevor der Herr in das Haus des Synagogenvorstehers kommt, in welchem die Tote liegt.

Die Liturgie ein Bild: Das Heidentum wird zuerst des Heiles teilhaftig, das durch Christus in die Welt kommt. Ist dann das Heidentum in die Kirche Christi eingegangen, dann wird auch Israel zu Christus kommen. „Meine Brüder, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht im unklaren lassen: Die Verstocktheit eines Teiles der Israeliten dauert so lange, bis die Vollzahl der Heiden eingetreten ist. Alsdann wird ganz Israel gerettet werden“ (Röm. 11, 25) (S. 568 – 569)

(Quelle: Benedikt Baur OSB, Werde Licht, Bd. III, Betrachtung von Montag der 23. Woche nach Pfingsten)

Die Bekehrung der Juden im Rahmen eines Philosemitismus

Olivier Rota von der katholischen Fakultät in Lille hat ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel „Die Bekehrung der Juden: Die Entstehung des Philosemitismus und die Etablierung eines spezifischen Apostolats“ geschrieben. Abgesehen davon, dass der Autor dem Narrativ der Konzilskirche folgt, dass die katholische Kirche antisemitisch gegenüber den Juden gewesen sei, und einiger anderer dem Konzilsgeist geschuldeten Fragwürdigkeiten finden sich in dem Buch sehr viele interessante Informationen über einen neuen Philosemitismus in der Neuzeit, wodurch versucht werden sollte, mit mehr Erfolg Juden zu bekehren.

Es sei an dieser Stelle nochmals deutlich gesagt, dass die Kirche nie in ihrer Geschichte antisemitisch war. Was als Antijudaismus bezeichnet wird, ist kein Antisemitismus. Warum hat die Kirche mehrmals gegen die Juden Maßnahmen unternommen? Die lange Liste der Dekrete gegen Juden hatten alle ihren Grund darin, die Gläubigen vor den Juden zu schützen, und zwar was die Beeinflussung und Verführung der Katholiken betraf, die materielle Ausbeutung und das Verbot des Talmud wegen der in ihm enthaltenen Gotteslästerungen gegen unseren Herrn Jesus Christus. Auch gegen die Bedrohung des christlichen Staates durch Juden bzw. durch Mithilfe der Juden wie in Spanien musste von Kirche und Staat vorgegangen werden

Es gab aber nie eine Abneigung von Seiten der Kirche gegenüber den Juden als Ethnie. Im Gegenteil. Immer wieder betonen die Päpste, dass das Judentum geschützt werden muss, weil in ihm unser Heiland Jesus Christus geboren wurde. Deshalb waren die Päpste milde gegenüber den Juden und nahmen sie in Schutz, wenn dies notwendig wurde. Wir verweisen hier auf zwei Beiträge, in denen die Päpste mit ihren Dekreten und den Maßnahmen genannt werden, weil diese Maßnahmen gegen die Juden erforderlich wurden:

In der Neuzeit veränderte sich die gesellschaftliche Stellung der Juden. Zuerst in Frankreich, dann auch in anderen Staaten, in denen der christliche Staat abgeschafft und durch einen säkularen Staat ersetzt wurde, kam für die Juden die gesellschaftliche Emanzipation und Assimilation. Es kam die Zeit der rationalistischen Juden. Ihnen war der Talmud unwichtig, sie glaubten an das Geld und die große Freiheit. Der große Rat der Juden in Frankreich sahen 1807 in Napoleon Bonaparte den verheißenen Messias. Den Namen Napoleons überschütteten die Juden mit Lobsprüchen und mit biblischen Blumen, die ausschließlich dem Messias vorbehalten waren.

Siehe den Beitrag:

Der Messias der rationalistischen Juden

„Ihre Geldgier erhielt von da an eine Art religiöser Weihe; jeder Einzelne redete sich ein, indem er Reichtümer anhäufe, bereute er das Reich jenes Gesalbten des Herrn, welchen Herrlichkeit und Überfluss begleiten solle; der Gedanke an den Messias und das Streben nach Reichtum verwebten sich ineinander und Jahrhunderte lang war der Messias bis zu einem gewissen Punkt nicht allein die Entschuldigung für den Reichtum, sondern Er war auch dessen Seele, sein Aroma, seine Triebfeder.“ Dies schreiben die Gebrüder Lémann, selber Juden, in ihrem Buch „Die Messiasfrage und das vatikanische Konzil, 1870“.

Die Zwillingsbrüder Lémann

Die jüdischen Zwillingsbrüder Lémann nach ihrer Konvertierung als katholische Priester

Die Zwillingsbrüder Augustin (1836–1909) und Joseph (1836–1915) Lémann spielten eine bedeutende Rolle im katholischen Denken über das Judentum. Beide konvertierten vom Judentum zum Christentum, wurden Priester und einflussreiche Autoren. Papst Pius IX. schätzte die beiden Brüder als Beispiele dafür, wie Juden zum Katholizismus geführt werden konnten.

Olivier Rota schreibt in seinem Buch:

„Aufgewachsen nach jüdischem Recht in einer Familie mitunter voltairescher Prägung, begaben sich die Brüder Augustin (1836–1909) und Joseph (1836–1915) Lémann noch vor Erreichen der Volljährigkeit auf den Weg zum Christentum. Geschützt und beeinflusst von zwei wegweisenden Konvertiten der Mitte des 19. Jahrhunderts, den Patres Théodore Ratisbonne und Hermann, wurden die Brüder Lémann 1854 getauft. Geboren am 18. Februar 1836, konvertierten sie gemeinsam zum Christentum und wurden am selben Tag zu Priestern geweiht.“

Als Apostolische Missionare führten sie, wie Rota schreibt, ein beschwerliches Leben (bis 1878, dem Jahr ihrer Berufung zum Professor für Heilige Schrift an die katholischen Fakultäten von Lyon). Sie bemühten sich, die Gläubigen für Christus, den König, zu gewinnen. „Joseph und Augustin waren vor allem im Kampf gegen den Abfall der Völker vom Glauben engagiert. Ihrer Ansicht nach war die Missionierung Israels zwar Teil dieses Kampfes, hatte aber nicht Vorrang.“ Sie bekannten sich zu den Urhebern der antiliberalen Reaktion, insbesondere zu Joseph de Maistre.

Erst in den Jahren 1886–1894 widmeten sich die beiden Brüder einem umfangreichen Werk zu jüdischen Themen.

Die Gebrüder Lémann gehörten zu den Vertretern eines neuen Philosemitismus.

Das Dokument „Postulatum pro Hebraeis“ auf dem Vatikanischen Konzil

Breve von Papst Pius IX an die Brüder Lémann

Die Konzilssitzung im November 1870 sollte sich mit den Missionen befassen. Dank der Unterstützung der anwesenden kirchlichen Hierarchie erreichten die Brüder Lémann von Papst Pius IX. die Aufnahme einer Bitte für die verbliebenen Israeliten in das Schema von Missionibus.

Die beiden Brüder verfassten für die Konzilssitzung das Dokument „Postulatum pro Hebraeis“, das sie 1869 einreichten. Das Dokument erhielt Unterstützung von 510 Bischöfen, konnte aber nie zur Abstimmung gestellt werden, da das Erste Vatikanische Konzil durch die italienischen Einigungskriege unterbrochen wurde.

Das Dokument war ein Aufruf an die Juden weltweit, massenhaft zum Christentum zu konvertieren, und sollte als offizielle Stellungnahme der katholischen Kirche zum Judentum zur Abstimmung gebracht werden.

Die Gebrüder Lémann gaben zahlreiche Publikationen heraus, die auf die Bekehrung des jüdischen Volkes zur katholischen Kirche abzielten.

Der Philosemitismus der Brüder Lémann

Es gab in dieser Zeit zwei Richtungen, wie die Bekehrung der Juden einzuschätzen ist. Die eine ist der Philosemitismus, gestützt auf den Gedanken der Nächstenliebe, und die andere Richtung, die Rota als Antisemitismus bezeichnet, die behauptet, Juden seien nicht bekehrbar. Diese Richtung organisierte einen Kampf gegen den jüdischen Einfluss mit allen Mitteln. Der Philosemitismus hingegen behauptete, Juden seien bekehrbar, und suchte nach dem besten Weg, ihre Konversion zum Christentum zu erreichen.

Wie Olivier Rota schreibt, wurzelt die Form des Philosemitismus der Gebrüder Lémann in einem kämpferischen Katholizismus, der sich mit den Missständen der modernen Welt auseinandersetzte. „Die Predigten der Brüder Lémann zugunsten der Bekehrung der Juden begannen erst nach der französischen Niederlage von 1870 und dem vorzeitigen Abbruch des Konzils. Tief geprägt von der Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und dessen Sühnegedanken, stützten sich die Brüder Lémann maßgeblich auf die Gebete und Opfer der kontemplativen Nonnen [des Karmel].

Das Christentum der Brüder Lémann gründet auf der Idee einer „Religion des Kampfes“. Natürlich, denn die katholische Kirche auf Erden ist eine streitende Kirche. Der kämpferische Glaube der Brüder Lémann sollte im Sinne der Kirche nicht Gewalt einsetzen, sondern es sollten die Waffen der Nächstenliebe gegen die Gottlosigkeit ihrer Zeit sein.

Der Verfall der christlichen Gesellschaftsordnung

Mir der Französischen Revolution, schreiben die Gebrüder Lémann, „begann das Schütteln des Kreuzes, anfangs gewaltsam, und setzte sich in der Zivilgesellschaft auf ruhigere, differenziertere und überlegtere Weise fort.“ Die beiden Konvertiten wollten vor allem auf den „Abfall der Nationen“ reagieren.

Ihre Analyse lautet, wie Rota schreibt:

„Lange Zeit trug alles, was zur Stabilität und zum Wohlstand von Staaten beitrug, den Namen Jesu Christi und beruhte auf ihm. Es gab damals eine christliche Gesellschaft, ein christliches Europa, eine christliche Zivilisation, christliche Gerechtigkeit, christliche Brüderlichkeit, christliche Freude.

Der Säkularisierungsprozess des 19. Jahrhunderts wurde von Katholiken im Allgemeinen als Verlust katholischen Einflusses zugunsten der Juden verstanden. Dieser Einflussverlust wurde somit im Kontext des Gegensatzes zwischen Christentum und Judentum betrachtet.“

Die Neuzeit hat den radikalen, ethnisch begründeten Antisemitismus hervorgebracht

Dieser Gesichtspunkt ist auch für die heutige Zeit sehr wichtig. Die Neuzeit hat den radikalen Antisemitismus hervorgebracht. Bereits von Martin Luther in seinem Hass gegen Juden geboren, wurde der Antisemitismus gerade von Protestanten und Freidenkern gesellschaftsfähig gemacht.

Voltaire bezeichnete die Juden als „Abschaum der Menschheit“ mit angeborenen negativen Eigenschaften. Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) schrieb, „der Jude“ sei „ein unersättlicher, habgieriger Betrüger, besessen von einem skrupellosen Handels- und Schachergeist“, amoralisch, gerissen, hinterhältig und schmarotzerhaft. Er halte sich für viel zu intelligent, sei aber „ausgesprochen anpassungsfähig, nutzlos und schädlich für die Umwelt“, ein Beispiel des Bösen und Minderwertigen. Immanuel Kant (1724–1804) nannte in Tischgesprächen Juden „Vampyre der Gesellschaft“. Johann Gottfried Herder (1744–1803) hielt die Juden für „verdorben“, „ehrlos“ und „amoralisch“, aber durch Erziehung zu bessern. Er deutete ihre Diaspora-Situation als Unfähigkeit zu einem eigenen Staatsleben und prägte den oft zitierten Satz, Juden seien seit Jahrtausenden „eine parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen“ (Quelle: Wikipedia)

Der Judenhass der Neuzeit hat eine neue Qualität: er wird pseudo-wissenschaftlich und durch den Darwinismus begründet.

Der „Rassen-Antisemitismus“ oder „Moderne Antisemitismus“ bezeichnet seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine neue Form von Judenhass, die „wissenschaftlich“ argumentierte (unter Berufung auf Gobineau) und Erkenntnisse der Naturwissenschaft (Darwin) in den Dienst der Judenfeindschaft stellte. Hatte der ältere religiöse Antijudaismus die „Bekehrung“ der Juden und deren Taufe zum Ziel, so war der moderne Antisemitismus, der Juden, nur weil sie Juden waren, stigmatisierte, nur auf Ausgrenzung, Vertreibung und in letzter Konsequenz auf die Vernichtung der jüdischen Minderheit fixiert. (Quelle: Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert)

Die Verfolgung der Kirche durch Juden

In den Schriften Joseph Lémanns lesen wir:

„Möchten Sie das Unglück anhand eines weiteren Beispiels verstehen, in dem sich zur Verzweiflung noch Scham gesellt, für jeden, der für solche Dinge empfänglich ist? Vergleichen wir das Schicksal der Israeliten mit dem der Katholiken. Jeder, der auch nur einen Funken Liebe zum christlichen Glauben bewahrt hat, wird einen Stich des Schmerzes empfinden, wenn er erkennt, dass – anders als im Mittelalter – Katholiken offiziell verachtet und diffamiert, Juden hingegen offiziell geehrt und bevorzugt werden.“ (Lémann, Joseph, Die Religion des Kampfes, Buch 3, V, 3.)

In diesem Essay erscheint das Judentum als der wichtigste „Hilfstäter der Verfolgung“ der Kirche in der Neuzeit. Für Joseph Lémann beruht dies auf theologischen Erkenntnisse. So schreibt er:

„Wir möchten gleich vorwegnehmen, dass die meisten Israeliten keine Verfolger sind, dass viele sogar brüderliche Gefühle gegenüber ihren christlichen Mitbürgern hegen, sondern dass die tief verwurzelte Feindseligkeit des Judentums gegenüber dem Christentum verfolgend ist.“ (Die Religion des Kampfes, a.aO., Buch 3, III, VI)

Der Fokus liegt auf der „angeborenen und traditionellen Feindseligkeit“ des Judentums, aber auch auf seinem „Traum von der Weltherrschaft“, der in den spezifischen Verhältnissen des nachrevolutionären Frankreichs Ausdruck findet. Lémann beschreibt somit ein jüdisches Volk, das „durch den modernen Glaubensabfall geradezu berufen“ sei, also aufgrund seiner Gegnerschaft zu Christus, in Freimaurerlogen zu dienen.

Papst Pius IX. zählte die Freimaurerei zu den Hauptakteuren des modernen Glaubensabfalls (Enzyklika Etsi Multa, 1873). In Frankreich und Deutschland gewann die Idee einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung gegen das Christentum seit der Veröffentlichung von ‚Les Francs-maçons‘ durch Bischof de Ségur (1864) an Bedeutung. In den meisten Fällen stieß die These einer Verbindung zwischen jüdischen und freimaurerischen Kräften bei Katholiken auf wenig Widerstand.

Die von Joseph Lémann beschriebene kämpferische Religion hat den Abfall der modernen Welt zum einzigen Feind. (ebd., Einleitung, II) Der Jude wird nicht direkt angegriffen. Er wird eher als Diener des Völkerabfalls denn als dessen treibende Kraft verstanden. Die Brüder Lémann prangern Radikalismus und Freimaurerei stärker an als jüdische Macht. Indem sie sich somit von der antisemitischen Analyse distanzieren, die den Juden für den modernen Abfall verantwortlich macht, betrachtet Lémann das jüdische Volk gewissermaßen als Opfer: War es zuerst Opfer seiner geistlichen und rabbinischen Meister bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, wurden die Juden dann Opfer der entchristianisierten Nationen, die zur Zeit ihrer bürgerlichen Emanzipation herrschte.

Es ist wichtig zu betonen, dass der Glaubensabfall der christlichen Nationen immer noch in erster Linie von abgefallenen Christen und einer abgefallenen kirchlichen Hierarchie verursacht wird, nicht durch Juden.

Der Zusammenhang der Verwerfung Israels und des Glaubensabfalls der Christenheit

Für Joseph Lémann musste das jüdische Volk, das theologisch die Verfolger der Kirche repräsentierte, bekehrt werden, damit sich das messianische Zeitalter erfüllen konnte.

Die Gebrüder Lémann erteilen uns dazu eine wichtige Lehre. Ihr ganzes Streben zielt auf eine (Wieder-)Bekehrung der Völker zum Christentum ab. Dabei rufen die Brüder Lémann die Nationen dazu auf, über das historische Beispiel des jüdischen Volkes nachzudenken. So ziehen sie eine frappierende Parallele zwischen der Ablehnung Jesu Christi, „des Fundaments und Ecksteins“, durch das jüdische Volk und der Ablehnung Christi durch die Französische Revolution von 1789.

Die beiden Abbés argumentieren, dass die biblische Geschichte sinnbildlich sei für die Geschichte moderner Nationen. Ihr Aufruf richtet sich sowohl an abtrünnige Nationen als auch an das jüdische Volk.

Ausgangspunkt ihrer Argumentation ist eine Lektüre des heiligen Augustinus: „Gemäß einer Bemerkung des heiligen Augustinus waren die Ereignisse unter dem jüdischen Volk oft eine Vorwegnahme dessen, was unter den christlichen Völkern geschehen sollte“, bemerkt Augustin Lémann. (Lémann, Augustin, Eine Geißel, die gewaltiger ist als Krieg, Pest und Hungersnot: Der Prophet Sacharja prophezeit die Verwüstungen schlechter Presse, Cadillac, Éd. Saint-Remi, 2006 [1. Auflage , 1907], 36 S.)

Diese Beobachtung erlaubt es den beiden Brüdern, eine Anklage gegen den modernen Glaubensabfall zu erheben, basierend auf der Parallele zwischen der jüdischen und der modernen Ablehnung Christi: „Wenn die Blindheit der Juden, die Gott ermordeten, erstaunlicher und düsterer war als das Erscheinen der Finsternis am Karfreitagmittag, so ist die Blindheit der abtrünnigen Christen heute erstaunlicher und düsterer als die der Juden, die Gott ermordeten.“ (Lémann, Joseph, Die Religion des Kampfes, Buch 3, I, VII.)

Gewiss, räumt Joseph Lémann ein, „war das Verbrechen der Juden ungeheuerlich, das schwerste, das begangen werden kann.“ Doch dieses Verbrechen war die Frucht der Unwissenheit. Die Hervorhebung der Unwissenheit der Juden zur Zeit Jesu unterstreicht umso eindringlicher das volle Bewusstsein (und die volle Schuld) der modernen Nationen auf dem Weg des Glaubensabfalls.

Siehe dazu die Beiträge von P. Patiss SJ:

Die Unwissenheit der jüdischen Vorsteher und ihre Schuld

Die Schuld des jüdischen Volkes

Unwissenheit schützt nicht vor Schuld

Die Brüder Lémann betonen damit das ganze Grauen des modernen Glaubensabfalls, den sie als „öffentliche Abkehr von der Wahrheit“ verstehen: (Lémann, Joseph, Die Nationen, die gegen Jesus Christus und seine Kirche zittern, S. 103.)

Joseph Lémann schreibt:

Die Passion Jesu Christi bestand darin, sein Blut zu vergießen, sein ganzes Blut für die Völker zu verlieren. Die Passion der Kirche wird darin bestehen, die Völker zu verlieren, sie aus ihrem Schoß gerissen zu fühlen. Die Völker, ach! sie waren der Kirche leibhaftig geworden […] und deshalb konnten sie nur von ihr getrennt werden, indem man sie zerriss, indem man ihr die Eingeweide herausriss. (44)

Olivier Rota schreibt dazu:

„In dieser dramatisierten Vision wird die Moderne als Passion der Kirche dargestellt. So wird die Ecce-Homo-Episode erneut aufgegriffen: „Seht, der Mensch wird diesmal nicht mehr von den Juden, sondern von den Völkern gerichtet werden“, bekräftigt Joseph Lémann. (ebd. S. 3) Der gesamte Ansatz Lémanns zielt darauf ab, ein so eindrucksvolles Bild der Endzeit zu zeichnen, dass es die Völker zum Handeln aufrüttelt und sie dazu bewegt, „sich zu bekehren und zu leben, um gemeinsam mit dem Volk Israel in der Einheit des Glaubens und der Einheit der Liebe den glorreichen und unerwarteten Höhepunkt der Weltgeschichte zu erleben.“ (ebd. S. 181)

Die Bekehrung der Juden ist damit Teil der Gesamtbewegung der Rückkehr der Völker zu Christus. So wie die Juden Christus in seiner Person ablehnten, lehnen die Völker Christus in seinem Wirken ab. Daher sollte die Anerkennung des Messiasamtes Jesu Christi durch die Juden der messianischen Apotheose der Menschheit entsprechen.

Joseph Lémann stützt seine Argumentation auf eine bestimmte Übersetzung von Römer 11,25, wo es heißt: „Israel wird nicht aus seiner Verblendung erwachen, bis die Fülle der Heiden, das heißt aller Völker, in die Kirche eingegangen ist.“ Die Bekehrung des jüdischen Volkes zum Christentum muss nach der Bekehrung aller Völker erfolgen; die spektakuläre „Rückkehr“ des jüdischen Volkes zu Christus sollte jedoch die Bekehrung der Völker beschleunigen. In dieser spezifischen Auffassung wird die Rückkehr der Juden „für die Welt eine Rückkehr vom Tod zum Leben“ sein. (in einer Lesart von Römer 11). (Lémann, Joseph und Augustin, Die Sache der Überreste Israels, die auf dem Ökumenischen Konzil des Vatikans unter dem Segen von Papst Pius IX. eingebracht wurde, S. 122)

Für die Gebrüder Lémann sind nur konvertierte Juden wahre Juden. Als „Blutsbrüder“ waren sie von dem brennenden Wunsch beseelt, die Juden ihrer Zeit zu „Brüdern aus Gnade“ zu machen, indem sie bekannten, dass [Jesus Christus] der verheißene Messias, der unvergleichliche Erlöser, der Sohn Gottes und der Jungfrau Maria ist. (Lémann, Joseph und Augustin, Die Sache der Überreste Israels, die auf dem Ökumenischen Konzil des Vatikans unter dem Segen von Papst Pius IX . eingebracht wurde , a.a.O., Vorwort.)

Die beiden Brüder greifen die bereits in der Apostelgeschichte angedeutete Unterscheidung zwischen „fleischlichen“ und „geistlichen“ Juden auf und verteidigen die Auffassung, dass die Tora in ihrem unvergänglichen Aspekt, also in ihren moralischen Geboten, in das Christentum eingegangen ist. (De Saint-Just, Théotime, Les frères Lémann. Juifs Convertis, op. O., S. 378.)

Diese ihre Vision der Bekehrung der Juden, nach der die Bekehrung der Völker geschehen wird, ist nicht erfüllt. Nur wenige Juden haben den Weg in die katholische Kirche gefunden. Die Mehrheit der Juden hat kein Interesse, Jesus Christus als Messias anzuerkennen. Schon die wenigen Erfolge, die die Gebrüder Lémann in der Bekehrung von Juden erreicht haben, zeigen, dass auch der Philosemitismus kein Weg ist, die Juden von der katholischen Religion zu überzeugen.

So bleiben nur einige rühmliche Ausnahmen. Jetzt folgt der Bericht über die Bekehrung des Agnostikers Alphonse Ratisbonne ; in einem weiteren Beitrag folgen noch zwei Berichte von Bekehrungen aus dem Judentum.

Die Bekehrung von Alphonse Ratisbonne durch die hl. Jungfrau Maria

Alphonse Ratisbonne, Priester aus Frankreich, jüdischer Konvertit zum Katholizismus 1865

Der bekannteste Konvertit aus dem Judentum des 19. Jahrhunderts, jedenfalls unter den Katholiken, ist Alphonse Ratisbonne. Geboren am 1. Mai 1814 in Straßburg, verstorben am 6. Mai 1884 in En Kerem bei Jerusalem, wurde er auf himmlische Weise bekehrt.

Alphonse wurde als Sohn einer reichen jüdischen Bankiersfamilie in Straßburg geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften und Literatur in Paris arbeitete er als Rechtsanwalt und Bankier in der Firma seines Onkels. Er hasste seinen Bruder, der bereits schon zum katholischen Glauben konvertiert war, weil er auch die katholische Kirche hasste.

Lesen wir die Geschichte aus erster Hand, von Marie-Alphonse Ratisbonne selbst. Es handelt sich um Passagen aus einem Brief, den Ratisbonne selbst an einen Pfarrer, den Leiter einer Erzbruderschaft, die zum Gebet für die Bekehrung von Sündern gegründet worden war, geschrieben hat. Den Brief hatte Pater Maximilian Kolbe in Rom mit einer Sammlung anderer Dokumenten bezüglich der Bekehrung, die 1892 gedruckt wurden, erhalten.

Nachdem Alphonse Ratisbonne seine familiäre Herkunft, seinen Reichtum, seine Verlobung und seine Reise in den Orient vor der Hochzeit – auf der er trotz seiner Abneigung gegen das katholische Rom auch in Rom Station machte – geschildert hatte, beschrieb Ratisbonne die Bemühungen des Barons de Bussières, eines eifrigen, vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten Mannes, ihn in die Kirche zu bekehren. Dies ärgerte Ratisbonne. Im Folgenden schildert er seinen Besuch bei Baron de Bussières.

Der Besuch bei Baron de Bussiére

Beim Betreten des Hauses von Herrn de Bussières erlebte ich eine erste Enttäuschung, denn anstatt meine Visitenkarte entgegenzunehmen, führte mich das Dienstmädchen sogleich ins Wohnzimmer. Ich versuchte, meine Langeweile so gut es ging hinter einem aufgesetzten Lächeln zu verbergen und setzte mich neben Baronin de Bussières, neben der ihre beiden kleinen Töchter spielten. Das Gespräch begann mit den üblichen belanglosen Themen, doch schon bald ließ ich meiner leidenschaftlichen Abneigung freien Lauf und schilderte meine Eindrücke aus Rom. In einer gewissen Herablassung hielt ich Baron de Bussières für einen frommen Mann.

Da sich mir diese Gelegenheit bot, vermied ich einige recht bissige Bemerkungen über die Lage der Juden in Rom, was meine Gefühle etwas linderte. Doch gerade diese Klagen brachten das Gespräch auf die Religion. Er sprach von der Größe des Katholizismus. Ich erwiderte sarkastisch mit Einwänden, die ich selbst gelesen oder von anderen gehört hatte. Dennoch hielt ich mich zurück. Er äußerte einige anmaßende Behauptungen, um den Glauben der kleinen Mädchen, die in unserer Nähe spielten, nicht zu erschüttern. Schließlich sagte Herr de Bussières zu mir: „Nun, da Sie alle Vorurteile verurteilen und sich zu so liberalen Prinzipien bekennen und da Sie einen so aufgeklärten und fortschrittlichen Geist besitzen, wären Sie mutig genug, sich einem harmlosen Experiment zu unterziehen?“

„Welches Experiment?“

Vorder- und Rückseite der Wundertätigen Medaille in der Ausführung von Adrien Vachette„Ihr sollt einen Gegenstand bei euch tragen, den ich euch geben werde. Hier, nehmt dieses Bild der allerseligsten Jungfrau. Das klingt für euch lächerlich, nicht wahr? Ich halte es jedoch für sehr wirksam.“

„Ich muss zugeben, dass ich mit so einem Angebot nie gerechnet hatte. Zuerst hätte ich am liebsten laut losgelacht und mit den Schultern gezuckt. Aber dann dachte ich: ‚Was für eine tolle Geschichte wird diese Szene in meinem Reisebericht abgeben!‘ Also nahm ich die Medaille entgegen, die mir um den Hals gelegt wurde. Als ich sie an meine Brust lehnte, lachte ich laut auf und sagte: ‚Na, so was! Jetzt bin ich katholisch! … Apostolisch … und römisch!‘“

„Herr de Bussières freute sich sichtlich über seinen Sieg, wollte ihn aber voll ausnutzen und sagte: ‚Um die Prüfung nun abzuschließen, müssen Sie morgens und abends das Memorare rezitieren, ein sehr kurzes, aber sehr wirksames Gebet an die allerseligste Jungfrau, das vom heiligen Bernhard verfasst wurde.‘“

„Aber was zum Teufel ist dieses Memorare?“, rief ich aus. „Schluss mit diesem ganzen Theater!“

„In diesem Moment überkam mich ein heftiger Anflug von Wut. Der Name des heiligen Bernhard erinnerte mich an meinen Bruder, der die Lebensgeschichte dieses Heiligen verfasst hatte. Ich hatte mich nie getraut, das Buch in die Hand zu nehmen. Doch sein Andenken entfachte in mir den Zorn gegen die Missionierung, gegen die Jesuiten und gegen all jene, die ich Heuchler und Abtrünnige nannte.“

„Also bat ich Herrn de Bussières, es dabei zu belassen, und machte mich über die Sache lustig, indem ich ihm sagte, es täte mir leid, dass ich ihm nicht einmal ein einziges hebräisches Gebet als Gegenleistung anbieten könne und ich ihm deshalb weiterhin verpflichtet bleiben würde. Tatsächlich kannte ich überhaupt kein einziges Gebet. Mein Widersacher beharrte jedoch darauf, dass der ganze Test scheitern würde, wenn ich mich weigerte, dieses kurze Gebet zu sprechen, und ich somit beweisen würde, dass ich nur ein hartnäckiger Ungläubiger sei.

Da ich der Sache keinerlei Bedeutung beimaß, versprach ich schließlich, das Gebet zu sprechen. Er holte sofort eine Kopie und bat mich, es abzuschreiben. Ich willigte ein, jedoch unter der Bedingung, dass er mir das Original geben und meine handschriftliche Abschrift behalten würde. In Wirklichkeit wollte ich lediglich das neue ‚Gerechtigkeitsversprechen‘ in mein Notizbuch eintragen.“

So einigten wir uns schließlich. Am Ende trennten wir uns, und ich verbrachte den Rest des Abends im Theater und vergaß dabei die Medaille und das Gebet völlig. Als ich jedoch in meine Unterkunft zurückkehrte, fand ich eine Visitenkarte von Herrn de Bussières, der mich im Gegenzug besucht hatte. Er lud mich ein, vor meiner Abreise aus Rom noch einmal bei ihm vorbeizukommen. Da ich ihm das Gebet zurückgeben musste, setzte ich mich, nachdem ich meine Koffer für meine Abreise am nächsten Tag gepackt hatte, hin und schrieb das Gebet ab.

Es lautete: „Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, dass noch nie jemand, der zu deinem Schutz seine Zuflucht nahm, deine Hilfe suchte oder deine Fürsprache anflehte, von dir verlassen wurde. Von diesem Vertrauen erfüllt, eile ich zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen, meine Mutter; zu dir komme ich, vor dir stehe ich, seufzend als Sünder. O Mutter des fleischgewordenen Wortes, verschmähe meine Bitten nicht, sondern erhöre mich in deiner Barmherzigkeit. Amen.“

„Ich schrieb die Worte des heiligen Bernhard nieder, ohne ihnen Beachtung zu schenken. Es war spät; ich war müde und wäre beinahe im Stehen eingeschlafen.“

„Am nächsten Tag, dem 16. Januar, bereitete ich alles für meine Abreise vor. Doch während ich meinen Tätigkeiten nachging, ertappte ich mich dabei, wie ich immer wieder die Worte jenes Gebets wiederholte. Mein Gott, wie hatten sie nur so viel Besitz von meiner Fantasie ergriffen?“

(Ratisbonne berichtet weiter, wie Herr de Bussières ihn überredete, seine Abreise zu verschieben, um Papst Gregor XVI. sehen zu können. In der Zwischenzeit führte er seinen Gast zu einigen christlichen Altertümern, was ihm Gelegenheit gab, religiöse Themen zu besprechen.)

Respektlosigkeit des Agnostikers Ratisbonne

„Alles, was wir sahen – Denkmäler, Gemälde, die lokalen Bräuche – wurde zum Gesprächsthema. Das alles führte zu verschiedenen religiösen Fragen. Herr de Bussières sprach sie so einfach und so enthusiastisch an, dass ich manchmal tief in meinem Herzen dachte: ‚Wenn etwas einen Menschen von der Religion abbringen kann, dann ist es sicherlich die Hartnäckigkeit mancher Leute, die versuchen, ihn zu bekehren!‘“

Meine natürliche Respektlosigkeit verleitete mich dazu, mich selbst über die ernstesten Dinge lustig zu machen. Zu meinen bissigen Bemerkungen gesellte sich ein höllisches Feuer der Blasphemie, an das ich heute nicht einmal mehr zu denken wage. Trotz alledem blieb Herr de Bussières, obwohl er seine Enttäuschung zum Ausdruck brachte, nachsichtig und gelassen. Einmal ging er sogar so weit zu sagen: „Trotz Ihrer Verärgerung bin ich sicher, dass Sie früher oder später katholisch werden, denn tief in Ihrem Wesen wohnt ein von Natur aus klares Urteilsvermögen, und das sagt mir, dass Sie sich von Gott erleuchten lassen werden, selbst wenn er dafür einen Engel vom Himmel senden muss.“

„Na schön“, antwortete ich scherzhaft, „aber bitte nur, wenn ich gut gelaunt bin; sonst könnte die Sache schiefgehen.“

„Als unsere Kutsche an der Scala Santa vorbeifuhr, stand Monsieur de Bussières auf, zog seinen Hut und rief aus: ‚Sei gegrüßt, heilige Treppe! Hier ist ein Sünder, der dich eines Tages kniend besteigen wird!‘“

„Ich kann gar nicht beschreiben, was ich empfand, als ich an die Idee dachte, einer Treppe zu huldigen! Ich lachte herzlich, als wäre es etwas völlig Unvernünftiges. Später, als wir an den prächtigen Villen und Gärten vorbeigingen, die Neros Aquädukt säumten, erhob auch ich meine Stimme und rief mit denselben Worten wie er: ‚Seid gegrüßt, ihr wahrhaft göttlichen Wunder! Vor euch sollte man sein Haupt beugen und nicht vor einer Treppe, welcher Art auch immer!‘“

(Ratisbonne fährt fort mit der Erzählung von seinem Treffen mit einigen protestantischen Freunden am 20. Januar in einem Café, wo sie Zeitung lasen.)

Als ich das Café verließ, begegnete ich der Kutsche von Herrn de Bussières, und er lud mich zu einer Fahrt ein. Da es ein schöner Tag war, nahm ich die Einladung gern an. Als wir die Kirche Sainte-Andrea delle Fratte erreichten, entschuldigte sich Herr de Bussières kurz, da er eine Besorgung zu erledigen hatte. Er bat mich, im Wagen auf ihn zu warten; ich zog es jedoch vor, auszusteigen und die Kirche zu besichtigen. Drinnen wurde gerade ein Katafalk für eine Beerdigung vorbereitet, also fragte ich den Baron: „Wessen Beerdigung ist das?“

„‚Der Graf de Laferronays‘“, erwiderte er, „‚ein guter Freund von mir, der plötzlich verstorben ist. Deshalb wirkte ich in den letzten Tagen vielleicht etwas bedrückt.‘“

„Ich kannte den Grafen nicht; ich hatte ihn tatsächlich noch nie gesehen. Daher machte die Nachricht keinen besonderen Eindruck auf mich, abgesehen von dem, den die Information über einen plötzlichen Tod hervorrief. Herr de Bussières ging, weil er den Platz für die Familie des Verstorbenen vorbereiten musste. ‚Entschuldigen Sie mich für ein paar Minuten‘, sagte er, als er ins Kloster ging. ‚Ich bin gleich wieder da.‘“

Anmerkung: Herr Laferronnays hatte sein Leben für die Bekehrung Ratisbonnes angeboten.

(In seiner Aussage vom 18. und 19. Februar im Rahmen der Ermittlungen zur Aufklärung der Umstände seiner Konversion erklärte Ratisbonne unter anderem Folgendes.)

Die Marienerscheinung von Alphonse Ratisbonne, 1842

Die Marienerscheinung von Alphonse Ratisbonne

Als ich die Kirche durchquerte, kam ich an den Ort, wo man sich für die Beerdigung vorbereitete. Plötzlich überkam mich ein tiefes Unbehagen, und ich sah vor mir etwas wie einen Schleier. Mir schien, als sei die gesamte Kirche in Schatten gehüllt, bis auf eine Kapelle. Es war, als konzentrierte sich alles Licht an diesem einen Ort. Ich blickte hinüber zu dieser Kapelle, aus der so viel Licht strahlte, und über dem Altar sah ich eine lebendige Gestalt stehen, groß, majestätisch, schön und voller Barmherzigkeit. Es war die Allerheiligste Jungfrau Maria, die ihrem Bild auf der Wundertätigen Medaille der Unbefleckten Empfängnis glich.

Bei diesem Anblick fiel ich auf die Knie; mehrmals versuchte ich, meine Augen zur Allerheiligsten Jungfrau zu erheben, doch Ehrfurcht und das blendende Licht zwangen mich, den Blick zu senken; dies hinderte mich jedoch nicht daran, die Leuchtkraft der Erscheinung zu erkennen. Ich richtete meinen Blick auf ihre Hände, und in ihnen konnte ich den Ausdruck der Barmherzigkeit und Vergebung lesen. In der Gegenwart der Allerheiligsten Jungfrau Maria, obwohl sie kein Wort mit mir sprach, verstand ich die furchtbare Situation, in der ich mich befand, die Ungeheuerlichkeit der Sünde, die Schönheit der katholischen Religion … mit einem Wort verstand ich alles.

„Als er zurückkehrte, fand mich Herr de Bussières kniend vor, den Kopf an das Geländer der Kapelle gelehnt, in der die Allerseligste Jungfrau erschienen war, und in Tränen aufgelöst. Ich verstehe nicht, wie ich es bis zum Geländer geschafft hatte, denn ich war auf der anderen Seite des Kirchenschiffs auf die Knie gefallen, und der Katafalk trennte mich von der Kapelle. Ich muss hinzufügen, dass ich aus Dankbarkeit gegenüber der Allerseligsten Jungfrau und aus Mitleid mit meiner Familie weinte, die in der Dunkelheit des Judentums gefangen war, mit Ketzern und Sündern.

Herr de Bussières half mir auf, und noch immer weinend sagte ich zu ihm: ‚Oh, dieser Mensch muss sehr viel für mich gebetet haben‘, und dachte dabei an den verstorbenen Grafen de Laferronays. [Anmerkung von Pater Kolbe: „Herr de Bussières hatte Ratisbonne tatsächlich Herrn de Laferronays für seine Gebete empfohlen.]“

„Er stellte mir mehrere Fragen, aber ich konnte sie nicht beantworten, so tief bewegt war ich. Da nahm er mich an der Hand, führte mich aus der Kirche zur Kutsche und half mir einzusteigen. Dann fragte er mich, wohin ich reisen wolle.“

„Bringt mich hin, wohin ihr wollt“, sagte ich, „nach dem, was ich gesehen habe, werde ich alles tun, was ihr verlangt.“

„‚Aber was hast du gesehen?‘, fragte er mich.“

„Ich kann es Ihnen nicht sagen; aber bitte bringen Sie mich zu einem Beichtvater, und ich werde ihm alles auf Knien erzählen.“

„Er brachte mich zur Kirche Il Gesù, zu einem Jesuiten, Pater Villefort, dem ich in Anwesenheit von Herrn de Bussières alles erzählte, was mir widerfahren war.“

(In seinem Brief fährt er fort.)

Im Nu fiel ihm ein Schleier von den Augen

Alles, was ich über mich selbst sagen kann, ist dies: Im Nu fiel mir ein Schleier von den Augen; oder vielmehr nicht nur ein einziger, sondern viele der Schleier, die mich umgaben, lösten sich einer nach dem anderen auf, wie Schnee, Schlamm und Eis unter den brennenden Strahlen der Sonne. Ich fühlte mich, als stiege ich aus einem Grab, aus einem dunklen Grab empor; als begänne ich, ein lebendiges Wesen zu sein, ein wirkliches Leben zu genießen. Und doch weinte ich. Ich konnte in die Tiefen meines furchtbaren Elends blicken, aus dem mich unendliche Gnade befreit hatte. Mein ganzes Wesen erzitterte beim Anblick meiner Verfehlungen; ich war erschüttert, überwältigt von Staunen und Dankbarkeit.

Ich dachte mit unbeschreiblicher Freude an meinen Bruder; und zu meinen Tränen der Liebe mischten sich Tränen des Mitleids. Wie viele Menschen auf dieser Welt stürzen, ach, unwissentlich in den Abgrund, ihre Augen verschlossen vor Stolz und Gleichgültigkeit! Sie werden lebendig von jenen schrecklichen Schatten verschlungen; und unter ihnen sind auch meine Meine Familie, meine Verlobte, meine armen Schwestern. Welch bitterer Gedanke! Meine Gedanken wandten sich dir zu, die ich so sehr liebe; für dich habe ich meine ersten Gebete gesprochen. Wirst du eines Tages deine Augen auf den Erlöser der Welt richten, dessen Blut die Erbsünde abgewaschen hat? Wie ungeheuerlich ist der Makel dieser Sünde, wegen der der Mensch Gott nicht mehr ähnelt!

„Sie fragten mich nun, wie ich diese Wahrheiten erkannt hätte, denn sie alle wussten, dass ich nie ein Buch über Religion aufgeschlagen, geschweige denn eine einzige Seite der Bibel gelesen hatte, während mir das Dogma der Erbsünde, das von modernen Juden völlig vergessen oder geleugnet wird, nie auch nur einen Augenblick in den Sinn gekommen war. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt seinen Namen gehört hatte. Wie also hatte ich diese Wahrheiten erkannt? Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich, als ich die Kirche betrat, von all dem keine Ahnung hatte, während ich, als ich sie verließ, alles mit blendender Klarheit sah.

Ich kann diesen Wandel nur erklären, indem ich mich mit einem Mann vergleiche, der plötzlich aus tiefem Schlaf erwacht, oder mit einem Blindgeborenen, der plötzlich sehen kann. Er sieht, obwohl er seine Empfindungen nicht beschreiben oder genau benennen kann, was ihn erleuchtet und es ihm ermöglicht, die Dinge um sich herum zu bewundern. Wenn wir das natürliche Licht nicht angemessen erklären können, wie können wir dann ein Licht beschreiben, dessen Substanz die Wahrheit selbst ist?

Ich denke, ich drücke mich richtig aus, wenn ich sage, dass ich kein verbales Wissen besaß, sondern die Bedeutung erlangt hatte und den Geist der Dogmen, diese Dinge eher zu fühlen als zu sehen, sie mit Hilfe der unaussprechlichen Kraft zu erfahren, die in mir wirkte.

„Die Liebe Gottes hatte alle anderen Lieben verdrängt, so sehr, dass ich sogar meine Verlobte liebte, aber auf eine andere Weise. Ich liebte sie wie jemanden, den Gott in seinen Händen hielt, wie ein kostbares Geschenk, das den Geber zu noch größerer Liebe inspiriert.“

(Da sie seine Taufe verzögern wollten, bat Ratisbonne darum.)

„Wie bitte? Die Juden, die die Predigt der Apostel gehört haben, wurden sofort getauft; und ihr wollt die Taufe für mich, der ich die Königin der Apostel gehört habe, verzögern?“

„Meine Gefühle, meine innigen Wünsche und meine Gebete bewirkten schließlich, dass diese gütigen Männer einen Termin für meine Taufe festlegten. Ich erwartete den festgelegten Tag ungeduldig, denn ich erkannte, wie missfiel ich in den Augen Gottes.“

(Schließlich kam der 31. Januar. Er beschrieb seine Taufe.)

Die Audienz bei Papst Gregor XIV.

„Unmittelbar nach meiner Taufe war ich von tiefer Ehrfurcht und kindlicher Liebe zum Heiligen Vater erfüllt; ich schätzte mich glücklich, als mir mitgeteilt wurde, dass mir eine Audienz beim Papst in Begleitung des Generaloberen der Jesuiten gewährt würde. Trotzdem war ich recht nervös, da ich nie zuvor mit den bedeutenden Persönlichkeiten dieser Welt in Kontakt gekommen war; obwohl mir diese bedeutenden Persönlichkeiten im Vergleich zu wahrer Größe zu unbedeutend erschienen. Ich muss gestehen, dass ich zu diesen Großen der Welt auch denjenigen zählte, der auf Erden die höchste Macht Gottes innehat, nämlich den Papst, den Nachfolger Jesu Christi selbst, dessen unzerstörbaren Stuhl er bekleidet.“

„Ich werde nie meine Beklemmung und mein Herzklopfen vergessen, als ich den Vatikan betrat und durch die weitläufigen Höfe und majestätischen Hallen schritt, die zu den heiligen Räumlichkeiten führten, wo der Papst residiert. Doch als ich ihn erblickte, wich meine Nervosität augenblicklich dem Staunen. Er war so schlicht, demütig und väterlich. Er war kein Monarch, sondern ein Vater, der mich mit bedingungsloser Liebe wie einen geliebten Sohn behandelte.“

„O guter Gott! wird es so sein, wenn ich vor dir erscheine, um dir Rechenschaft über die Gnaden abzulegen, die ich empfangen habe? Ehrfurcht erfüllt mich beim bloßen Gedanken an Gottes Größe, und ich zittere vor seiner Gerechtigkeit; aber beim Anblick seiner Barmherzigkeit wird mein Vertrauen wiederbelebt, und mit diesem Vertrauen werden auch meine Liebe und meine grenzenlose Dankbarkeit wachsen.“

„Ja, Dankbarkeit soll von nun an mein Gesetz und mein Leben sein. Ich kann sie nicht in Worte fassen; deshalb will ich mich bemühen, sie in Taten auszudrücken. Die Briefe meiner Familie geben mir volle Freiheit; diese Freiheit möchte ich Gott weihen und stelle sie ihm von diesem Augenblick an zusammen mit meinem ganzen Leben zur Verfügung, um der Kirche und meinen Brüdern unter dem Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria zu dienen.“ (Pater Anselm W. Romb, OFM Conv., Kommentator und Herausgeber, Die Schriften des hl. Maximilian M. Kolbe, OFM Conv.: Der Kolbe-Reader, S. 22–31.)

(Quelle: http://www.christorchaos.com/?q=content/ways-baffle-minds-modern-men)

Siehe auch den Bericht von Plinio Corrêa de Oliveira:

Der „Wundertätige Medaille“ – Alfons Ratisbonne aus Strassburg: Er fiel als Jude auf die Knie und stand als Christ wieder auf

Alfons (stehend) und sein Bruder Theodor RatisbonneSchon ab dem Jahr 1843 unterstützte er seinen Bruder Théodore Ratisbonne bei der Gründung der Kongregation der Sionsschwestern. In Saint-Acheul erhielt Alphonse am 20. September 1847 oder 1848 die Weihe zum Priester.

Alphonse Ratisbonne wurde Mitglied der Brüder Unserer Lieben Frau von Sion, wo er sich für die Bekehrung der Muslime und Juden mit Hilfe karitativer, geistlicher und erzieherischer Mittel einsetzte.

Die Brüder Ratisbonne, die Gebrüder Lémann und auch Pater Libermann galten als Vorreiter einer philosemitischen Missionsarbeit unter Juden. Ihre diskrete Arbeit hatte jedoch zur Konversion nur einiger weniger Juden geführt. Aus der Konversion des Juden Ratisbonne, der ein glühender Christushasser war, durch unsere Liebe Frau von der Wundertätigen Medaille können wir ersehen, dass menschliche Bemühungen nicht ausreichen, Juden durch Missionsarbeit zu bekehren. Ihre Bekehrung kann  tatsächlich nur mit Hilfe von Christus und Seiner liebe Mutter Maria erfolgreich sein.

Im 2. Teil widmen wir uns der Bekehrung zweier Juden im 20. Jahrhundert.

Bildquellen

  • joseph-et-augustin-lémann: Die Missionen
  • breve-pius-ix-an-lemann: © https://weltgeschehen.info
  • Alphonse_Ratisbonne: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • 330px-Miraculous_medal: wikimedia | CC BY-SA 3.0 Unported
  • Alphonse_Ratisbonne,_Erscheinung: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
  • C021_Ratisbonnes: TIA
  • Bekehrung_der_Juden_Ratisbonne-Le_mann: © https://weltgeschehen.info

Verwandte Beiträge

Kirche und Synagoge nach Nostra Aetate 1965
Bekehrung der Juden im 20. Jahrhundert
Cookie Consent mit Real Cookie Banner